Stop sexualizing the female body oder: Glotz nicht so

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Es ist einer der bisher wenigen scheißheißen Sommertage in diesem Jahr. Ich trage eine weite Stoffhose, darüber ein enges Top. Von hier oben sehen meine Brüste riesig aus, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich gefalle mir in dem Top und bin, als ich das denke, stolz auf mich. In den letzten zwei, drei Jahren lerne ich in Babysteps, mit meinem Körper klarzukommen. Dabei geht es mir nicht darum, zu akzeptieren, dass ich niemals Modelperfektion erreichen werde, dass ich kurviger, kurzbeiniger, blasser bin als Gigi, Kendall und Cara.

All das hat mich nie gestört. Wenn es um meine Statur, meinen Body ging, war ich immer im Reinen mit mir. Fühle ich mich zu dick, esse ich weniger, trainiere, so lange, bis ich mich wieder wohl fühle. Ich mag meine Schultern, meinen Rücken, meine Sanduhrfigur, alles gut in diesem Bereich. An meinen kurzen Beinen kann ich nichts ändern, an meinem Booty auch nicht, wenigstens nicht grundlegend. Also habe ich mich damit nie herum geplagt. Das jedoch, was mir über viele Jahre ein schlechtes Gefühl gab, waren meine Brüste.

Nicht, weil sie nicht schön wären. Sie hängen auch nicht, mir gefällt ihre Form, und eigentlich finde ich sie perfekt. Wenigstens dann, wenn ich mit ihnen alleine bin. Und/oder nackt. Sobald ich Kleidung trage, habe ich oft das Gefühl, massiger zu sein, als ich es tatsächlich bin. Trage ich BHs, richtige BHs, die stützen und nach oben drücken, fühlt es sich an, als hätte ich das, was mein Papa früher einen „Atombusen“ nannte. Dabei sind es keine Melonen, keine Riesentitten. Körbchengröße C, manchmal B. Doch für mich sind meine Brüste oft zu groß. Für meinen Geschmack, meine Person. Jahrelang fühlten sie sich für mich wie Feinde an, wie etwas, das eigentlich nicht zu mir gehört. Wie ein Körper-Fremdkörper.

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Ich muss das erklären. Brüste sind wundervoll, weiblich, königlich, bedeuten Macht und Sex und Geborgenheit. Frausein. Alles Dinge, die ich mit meiner Person nicht verbinde. Ich habe mich lange Zeit nicht als Frau empfunden, und auch heute noch fällt es mir schwer, mich selbst so zu sehen. Ich fühle mich nicht weiblich, eine Mischung aus Mädchen, androgynem Zwischenwesen, dem Blümchen Rührmichnichtan und Kirmes-Asi, so empfinde ich mich selbst, und ich mag es. Dass mein Äußeres nicht mein Inneres widerspiegelt, damit könnte ich gut leben, denn ich mag mich ja. Wären da nicht die anderen.

Gehe ich im Sommer auf die Straße und glotzen mir Typen und andere Frauen auf die Möpse, möchte ich verschwinden, mich auflösen, möchte die Arme vor der Brust verschränken und die Gaffer anblaffen, sich mal bitte auf ihre Kinderstube zu besinnen und mir nicht auf die Titten zu sabbern. Wie oft habe ich meine Brüste verwünscht, sie weggewünscht, weil sie mich wider Willen zu einem sexuellen Wesen machen, zu einem Objekt, das hemmungslos angestarrt, in Jugendzeiten sogar oft angefasst wurde, ohne, dass ich dazu mein Einverständnis gegeben hätte.

Sage ich tatsächlich etwas, heißt es: „Jetzt stell dich doch mal nicht so an, es ist doch ein Kompliment!“ oder „Das bildest du dir nur ein.“ Und ich fragte mich lange Zeit: Haben die anderen Recht? Sollte ich mich nicht viel lieber über die Aufmerksamkeit freuen, als mich aufzuregen? Mir tut ja niemand was. Bilde ich mir die Blicke tatsächlich nur ein? Heute weiß ich: Nein, die anderen haben nicht Recht. Es steht mir zu, mich belästigt zu fühlen und mich darüber auszukotzen. Und nein, ich bilde mir nichts ein.

Stellt mich im Hochsommer neben eine Frau mit kleinen Brüsten, gebt uns beiden dasselbe luftige Shirt, und dann beobachtet die Reaktionen der anderen. Die Frau mit den kleinen Brüsten, so wird man sagen, trägt das luftige Shirt, weil es unerträglich heiß ist und jedes Gramm Stoff mehr lächerlich wäre. Auf meine Klamotte wird man so reagieren: Unverhohlene Blicke auf meine Brüste, Pfeifen, Grinsen, Sprüche wie „Na, aber hallo, knappes Outfit“ oder „Geile Titten“. Dass ich das Shirt aus denselben Gründen trage wie die kleinbrüstige Dame, wird niemand weiter beachten. Denn unter dem Shirt, das ich trage, wird der Ansatz meiner Brüste zu sehen sein, meine Sideboobs werden nicht subtil und gerade mal zu erahnen, sondern rund und sehr präsent sein. „Alter, Mimi, das ist jetzt aber schon etwas übertrieben, oder?“ Leider ist es das nicht. Das oft respektlose Verhalten meiner Mitmenschen ist der Grund, warum ich meinen Körper jahrelang unter Oversize Klamotten versteckte und selbst im heißesten Hochsommer Schals und Strickjacken trug. Und es an schlechten Tagen noch immer mache. Weil ich nicht angestarrt und sexualisiert werden möchte, wenn ich es nicht ausdrücklich wünsche.

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Wer mich kennt, weiß, dass ich an die Decke gehe, wenn ich Sprüche höre wie „Frauen wollen doch etwas mit ihren Klamotten bezwecken, ich meine, so ein enges Shirt, aus dem mir die Hupen entgegenspringen? Hallo, knick-kack, oder wie?“ No, Sir. Vielleicht sind manche Menschen so gebaut, dass die Hupen aus jedem Shirt herausschauen, dass sie sich selbst unter weiten Kaftans abzeichnen, und vielleicht leiden diese Menschen darunter, fühlen sich unwohl. Vielleicht wünschen sie sich, an heißen Tagen in irgendeinen leichten Scheiß zu schlüpfen, ohne sich zuvor mit Minimizer-BHs, Bandagen und Spanx-Shorts Brüste, Arsch und dicke Oberschenkel wegzudrücken. So, wie du das tust, wenn du dich anziehst und dir nichts dabei denkst. Vielleicht haben manche von uns Körper, die offensiver wirken als andere, die mehr wackeln, praller und auffälliger sind als dein Körper. Es mag Menschen geben, die damit cool sind, aber es gibt auch diejenigen, die es hassen. Denen sollten wir das Leben nicht durch Taktlosigkeit und blödes Gegaffe erschweren. Vor allem aber sollten wir aufhören, die Körper anderer Menschen, vor allem den weiblichen Körper, ungefragt zu sexualisieren.

Es fällt mir immer noch oft schwer, mit meinen Brüsten cool zu sein, sie als einen Teil von mir zu akzeptieren. An manchen Tagen wünsche ich mir einen androgynen Körper ohne sichtbare sexuelle Attribute, die mir eine Wirkung aufzwingen, die mir nicht entspricht. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mich Bombe finde, rasierklingenscharf, so, wie ich bin. Tage, an denen ich mich zeigen will. Dann trage ich enge Kleider, High Heels, Bodys, mache sexy Selfies, fotografiere mich in meinen Calvins und teile das. Diese Tage aber, diese Momente, bestimme ich. Niemand sonst.

Ein Körper ist ein Körper ist ein Körper, kein Sexobjekt, kein Stück Fleisch.

Stop sexualizing the female body.
Hört auf, den weiblichen Körper zu sexualisieren. 

Fotos: Sarah Bleszynski // Sarahlikesprettygirls

12 Comments

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  3. JudgeDark

    30. Juni 2016 at 19:38

    Auch mein Respekt für diesen offenen und ehrlichen Text, der mir ein Stück weit auch die Reaktionen an anderer Stelle erklären.

    Wir sind leider visuelle Wesen und ich glaube so manchmal lässt sich das Hinsehen einfach nicht unterdrücken, vielleicht ist man einfach von dem was man sieht fasziniert und sexualisiert nicht gleich. Es ist aber auch klar, dass das beim Angesehenen ganz anders ankommen kann, als wie man es selber, bewusst oder unbewusst, meint. Rheintochter Esme hat es sehr richtig ausgedrückt, darum möchte ich das hervorhebend zitieren:

    „Leute sind keine Objekte. Niemals. Weder Mädchen noch Frauen, noch Jungs noch Männer. Natürlich schaut man sich auffällige, hübsche, schöne Menschen gern ein wenig länger an, aber Anschauen ist nicht gleich Gaffen. Der qualitative Unterschied zwischen den beiden ist ziemlich deutlich.“

    • Rheintochter Esme

      30. Juni 2016 at 22:40

      Ich habe einfach den Eindruck, dass genau das (also, dass Menschen keine Objekte sind) vielen nicht klar ist. Oder, noch schlimmer, gleichgültig. Und es wird immer schlimmer. Womit das zusammenhängt, weiss ich nicht.
      Aber es wäre sehr schön, wenn wir alle Menschen wie Menschen behandelten und eben nicht wie Objekte. Darum freut es mich enorm zu sehen, dass ich damit nicht ganz alleine dastehe.
      Grüße vom Rhein!

  4. Der ulli

    30. Juni 2016 at 18:36

    Bin ich ja deiner Meinung.. Aber dich muss ich ht immer vollglotzenvollglotzen weil du so toll und wunderschön bist… ;-)

  5. Rheintochter Esme

    29. Juni 2016 at 19:41

    Mutige Mimi, so klare Worte zu einem so persönlichen Thema rauszuhauen. Dafür erstmal ganz ordentlich Chapeau!
    Gaffen und blöde Sprüche sind absolut daneben und unangebracht, eindeutig. Und zwar auch bei denjenigen, die vielleicht noch entspannter mit sich und ihren Körpern sind – solche „Komplimente“ sind keine, sondern enorm unhöflich.
    Und ich werde es nicht müde, es zu sagen: Leute sind keine Objekte. Niemals. Weder Mädchen noch Frauen, noch Jungs noch Männer. Natürlich schaut man sich auffällige, hübsche, schöne Menschen gern ein wenig länger an, aber Anschauen ist nicht gleich Gaffen. Der qualitative Unterschied zwischen den beiden ist ziemlich deutlich.
    Ich umarm‘ und herz‘ Dich aus der Ferne und schick‘ Dir ganz viel Liebe vom Rhein! <3

    • Mimi

      Mimi

      30. Juni 2016 at 2:34

      Ach mein Herz, ich danke dir❤️Und morgen schreib ich dir endlich zurück🙈❤️😊

  6. der Dude

    29. Juni 2016 at 19:02

    Darf ich nun gucken oder nicht? Ich komme da manchmal nicht so recht hinterher.
    Wenn eine heiße Schnullertrude z.B. inder Bahn steht sitzt oder was weiß ich guck ich mir die halt an. Also nicht so stundenlang mit offnen Mund. Aber ich lunze schon mehr als einmal rüber.
    Ich kann halt leider nicht ahnen ob Ihr das nun gefällt oder nicht. Es gibt natürlich reaktionen dei man(n) brücksichtigen sollte.

    • Mimi

      Mimi

      29. Juni 2016 at 19:16

      Ich finde, solange du so rüber schaust, dass sie es nicht bemerkt, bzw. so, dass es ihr nicht unangenehm ist, ist Gucken okay. Nur Starren eben nicht, das ist widerlich, und ich kenne keine Frau, der so etwas behagt.

  7. Nicca

    29. Juni 2016 at 16:36

    Hey,
    toller Beitrag! Ich hab schon oft Kommentare gehört wie „wenn man sich so oder so anzieht, dann darf man sich nicht wundern, wenn …“. Ich könnte jedes Mal kotzen, wenn ich sowas höre. Ich darf mich anziehen wie ich will, wie ich mich wohlfühle. Und nur weil ich im Sommer ein kurzes Kleid trage heißt es nicht, dass ich dauergeil bin und auf der Suche nach dem nächsten Stecher…
    glg, Nicca von kosmeticca.blogspot.com

    • Mimi

      Mimi

      29. Juni 2016 at 16:48

      So wahr, Liebes <3

  8. Münsterländer

    29. Juni 2016 at 12:57

    Ich teile die Meinung, dass Frauen nicht begafft werden sollten. Sprüche wie: Geile Titten, Puppe“, sind über, wie der Pimmel am Papst und über begrabschen müssen wir gar nicht erst reden.
    Jedoch gebe ich als Kerl zu, dass es mir gelegentlich doch mal passiert, dass mein Blick etwas länger an einem Dekolletee hängen bleibt.
    Die richtige Erklärung dafür zu finden fällt mir schwer, vielleicht ist es einfach ein Stück weit Biologie.
    Jedoch denke ich, dass trotz aller „Biologie“ es drin sein sollte, eine Frau nicht als Bückstück zu betrachten und es auf „unauffällige“ Blicke zu reduzieren.

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