«Frauen, sagt uns, was ihr wollt! – Die Post-GQ-Diskussion

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Ein Intro von Mimi Erhardt.

Seit einiger Zeit schreibe ich für die GQ. Mein erster GQ Text sollte eine Bombe sein, und so beschloss ich, meinen männlichen Lesern zu verraten, wie sie zum Sexgott upleveln. Das Geheimnis könnt ihr hier nachlesen. Es folgte ein Leser-Kommentar, den ich nicht nur ziemlich dreist formuliert fand, sondern der in mir vor allem den Eindruck erweckte: Dieser Mann hat nichts verstanden. Da es müßig wäre, den ganzen Stein des Anstoßes zu beschreiben, hier die Kurzfassung meines Statements sowie den Einwand von Leserseite.

Ich: Einem Großteil der Frauen fällt es nicht leicht, ihre sexuellen Wünsche zu kommunizieren, da Erziehung/Gesellschaft/Medien uns seit jeher vermitteln, dass die weibliche Sexualität bitte eine stille und vor allem duldsame sein sollte. Insofern hier einige Sex-Inspirationen für Männer, mit denen ihr eure Frauen glücklich machen könnt, auch ohne dass sie verschämt Forderungen stellen müssen.

Kommentator: Frauen sollen doch einfach sagen, was sie wollen!

Ich: Würden wir ja, wenn nicht … (Rest siehe oben).

Nachdem ich mindestens ebenso dreist zurück antwortete, entsponn sich eine kleine Diskussion zwischen dem Kommentator und mir, die zu nichts führen konnte, da mir Kommentar-Diskussionen mindestens so zuwider sind wie Lakritze, AfD-Supporter und innere Hässlichkeit und ich mich für gewöhnlich schnell aus derartigem Wort-Gewichse verabschiede. Um was es in unserer Diskussion ging, könnt ihr den Kommentaren unter diesem Artikel entnehmen. Ich bot dem Leser also an, eine Lesermail zu schreiben und sie dann auf Mimi&Käthe zu veröffentlichen, auf dass er seine Ansicht in Gänze präsentieren könne.

Wir haben inzwischen viel und hart diskutiert, und ich weiß jetzt, dass Mikael, so sein Name, ein guter Typ ist, keinesfalls ignorant, wie ich zuerst dachte. Dennoch: Er und ich kommen meinungstechnisch in vielen Dingen nicht überein, was in Ordnung und menschlich ist. Lest seinen Beitrag und kommentiert gerne – immer respektvoll selbstverständlich, aber ihr wisst ja, wie’s geht :) 

Eine Lesermail von Mikael.

Eines vorneweg: Ich habe mich bisher weder mit Mimis Blog, noch mit der Arbeit anderer Feministinnen im Detail auseinandergesetzt. Über Facebook wurde ich auf einen ihrer Artikel aufmerksam, der mich zu einem Kommentar anregte. In der Regel äußere ich mich nur selten im Internet. Die Entwicklung sozialer Netzwerke und etlicher Kommentarbereiche bereitet mir zu viel Kummer. Ich breche es hier mal auf eine Verrohung der Gesellschaft herunter, die sich im Netz vielerorts manifestiert. Vermutlich halte ich mich aber auch einfach zu oft auf den falschen Seiten auf. Mimis Tipps bei der GQ, wie jeder Mann zum „Liebesgott“ wird, führten jedenfalls zu einer meiner seltenen Reaktionen und letztendlich zu diesem Beitrag. Danke nochmal dafür.

Genau genommen war es nur ein Tipp, den Mimi den GQ Lesern mitgab: Erinnert euch an eure Jugend, Männer! An eine der schönsten Zeiten im Leben eines Mannes – bis in die Mid-Twenties oder bei Spätstartern wie mir Anfang 30. Die Bewunderung, die ihr für den weiblichen Körper empfunden habt. Die Leidenschaft, die ihr gerade in der Anfangsphase von Beziehungen beim Sex an den Tag gelegt habt. Als ihr eine Frau auch von euren Fähigkeiten als Liebhaber überzeugen wolltet. Als ihr noch nicht vergessen hattet, dass es etwas gibt, das sich Vorspiel nennt.

Lesermail GQ 2

Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass Sex mit dem gleichen Partner von Mal zu Mal besser wird. Vermutlich kennen das viele. Je besser man den anderen kennenlernt und sich aufeinander einstellt, je mehr man einander vertraut und abschalten kann, desto besser funktioniert es. Desto mehr Spaß haben beide. In Beziehungen scheint sich das häufig ab einem gewissen Punkt umzukehren. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Einer ist vermutlich die falsche Partnerwahl, nicht umsonst liegt die Scheidungsrate in Deutschland bei 50 Prozent.

Meistens sind die Probleme sicher nicht so fundamental. Wie sagt man so (un)schön: Irgendwann lässt man sich gehen. So lassen Attraktivität und Anziehungskraft zwangsläufig nach. Das gilt für beide Geschlechter. Wieso jemanden von den eigenen Fähigkeiten im Bett überzeugen und in sexuelle Euphorie versetzen, der bereits vor Gott geschworen hat, für den Rest meines Lebens bei mir zu bleiben? Wer so denkt, hat vermutlich wirklich ein grundlegendes Problem – mit der eigenen Sexualität. Oder seine Begeisterung dafür wurde noch nicht entfacht. Sex sollte niemals als  Verpflichtung gesehen werden. Sex ist eine Leidenschaft, die es zu entdecken gilt. Sie kann Menschen glücklich und Beziehungen langlebig machen.

Was also tun, um den Funken im Bett wieder zu entfachen? Wie so oft im Leben, muss man über den eigenen Schatten springen und den Mund aufmachen. Sexuelle Bedürfnisse sind so vielfältig und vermutlich so individuell wie Menschen nur sein können. Nur wer offen darüber spricht, gibt dem Partner die Möglichkeit, ihn dauerhaft zu befriedigen. Männer äußern seit jeher freier, was und wie sie es wollen. Das war auch ein Diskussionspunkt zwischen Mimi und mir in den Kommentaren unter ihrem Artikel. Zum Ende ging es um die Frage, inwieweit Männer an der sexuellen Verschlossenheit vieler Frauen Schuld sind, und darum, inwieweit Frauen es selbst in der Hand haben, sexuelle Glückseligkeit zu erfahren. Und dabei spreche ich nicht von Handjobs oder Selbstbefriedigung, die die Orgasmusfähigkeit erhöhen kann.

Einige Frauen sind der Meinung, so mein Eindruck, dass mich mein Penis bei dieser Frage als qualifizierten Gesprächspartner von vornherein disqualifiziert. Ich kann mich schließlich nie gänzlich in eine Frau hineinversetzen. Das ist richtig, aber man kann sehr viel weiter kommen, als es Männer in der Regel schaffen. Häufig scheitern sie bereits beim Versuch. Ich denke nach wie vor, dass Frauen in der Regel deutlich empathischer und einfühlsamer sind als Männer. Sie müssten also wissen, inwieweit man sich in andere Menschen hineinfühlen kann. Stets mit Rücksicht auf ihre Individualität, unabhängig von ihrem Geschlecht, mit Interesse an ihrer Vergangenheit und bei aller Achtsamkeit vor schnellen oder gar endgültigen Urteilen. Das Leben hält selbst im Alter noch Überraschungen parat, habe ich mir sagen lassen. Bis jetzt habe ich mich tatsächlich nicht qualifiziert, umfangreich zu diesem Thema Stellung zu nehmen. Vor allem von einem Mann erfordert das eine Menge Recherche. Ich kann an dieser Stelle nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten.

Lesermail GQ 3

So beobachte ich stutzige, faszinierte, zum Teil sprachlose und eingeschüchterte Männer, wenn eine Frau offen oder gar offensiv mit ihrer Sexualität umgeht. Obwohl von Frauen leider immer noch mehr Diskretion verlangt wird, könnten sie heute offener mit dem Thema Sex umgehen. Die Frage ist, wollen sie es überhaupt, und sind sie mutig genug? Denn missgünstige Blicke bekommen Frauen häufig vom eigenen Geschlecht zugeworfen und vereinzelten Gegenwind wird es im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen immer geben.

Ich muss zum Ende kommen. Deshalb möchte ich euch an dieser Stelle bitten, liebe Frauen, redet mit uns! Erzählt uns von euren geheimen Fantasien, wenn auch vorerst im stillen Kämmerlein. Männer, fangt an, zuzuhören. Überdenkt eure von Pornografie geprägten Fantasien (ich habe sie selbst) und bildet euch ja nicht ein, jede Frau immer mit einfachsten Mitteln zum Orgasmus bringen zu können. Das ist unrealistisch. Frauen, hört auf, Orgasmen vorzutäuschen. Ihr schadet euch damit nur selbst. Sagt den Männern im Detail, was sie besser machen, wie sie es euch machen können. Wann sie aufhören, wann genau so weitermachen sollen. Will er das nicht hören oder auch nach mehreren Versuchen nicht darauf eingehen, sind wir vermutlich wieder beim Thema Partnerwahl.

Wenn er von eurem mutigen Versuch, etwas zu verbessern, gekränkt ist, geht es längst nicht mehr nur um sexuelle Potenz und Kompatibilität. Natürlich ist dies nur einer von vielen Gründen, sich in einen Menschen zu verlieben. Sucht euch einen, der seine eigenen Interessen niemals über eure stellen würde. Einen, der euch wertschätzt und durch die Befriedigung des Sexualpartners ähnlich stimuliert wird wie ihr selbst. Einen ehrlichen Menschen mit Geduld und Einfühlungsvermögen, mit Herz und Verstand, mit Persönlichkeit. Es gibt sie zuhauf, davon bin ich überzeugt. Manchmal muss man einen zweiten Blick riskieren, um sie zu entdecken. Denn es ist nach wie vor nicht einfach, diese „unmännliche“ Seite öffentlich zu zeigen.

Fotos: Sarahlikesprettygirls für KinKats

Anm. d. Red.: Unser Male Model auf den Fotos in diesem Post ist NICHT der Schreiber der GQ Lesermail. Just sayin‘ :)

1 Comment

  1. JudgeDark

    14. Mai 2017 at 19:08

    Was ich eine wichtige Aussage finde ist der Hinweis auf die Kommunikation … miteinander, übereinander! Nein, man soll nicht alles zerreden, man will ja auch noch was herausfinden, auf die Suche gehen, erkunden.
    Aber gerade in einer langen Beziehung halte ich es für wichtig, dass beide Seiten Wünsche, Ängste und Sorgen mitteilen, das hilft in meinen Augen beiden Seiten. Man darf nie vergessen, dass es hier um eine Sache geht, die man zusammen erlebt … ein Geben und Nehmen und wenn mir was nicht gefällt oder mir was fehlt, ist es nur fair aber auch berechtigt, dies dem anderen mitzuteilen. Nur so kann man in meinen Augen miteinander wachsen und eine Reise in ganz andere Sphären unternehmen … !

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