„Ich liebe dich nicht mehr“: Gibt es ein Rezept fürs Schlussmachen?

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Ein Text von Artie Shaww

„Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut)
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.“
(Aus dem Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner)

Und nun? Wie geht es weiter?

Beziehungen enden. Wie alles irgendwann endet. Trauer, Wut und Unglauben vermischen sich mit heißen Tränen des Verlusts. Dieses Nicht-Wahrhaben, Nicht-Verstehen, zusammen mit dem gebrochenen Herzen, dessen Stücke man am liebsten gut durchbraten und den Vögeln im Hinterhof zuwerfen würde, lassen einen verzweifeln.

In diesem Artikel geht es um das Schlussmachen, um den Moment, der folgt, wenn man feststellt, dass man mit dem einstigen Herzensmenschen nicht mehr zusammen sein möchte. Es wird nicht darum gehen, dass man einen neuen Partner, eine neue Partnerin hat, es wird nicht darum gehen, dass man jemanden verlassen muss, weil man betrogen, missbraucht, hintergangen wird.

Wenn eine Beziehung endet, leiden beide Seiten. Und ich frage mich: Kann man eine Beziehung wirklich „richtig“ beenden? Gibt es Schlussmachen auch in Angenehm? Ein neu kreiertes Wort, das seit einiger Zeit die Runde durch die Netzwelt macht, ist Ghosting. Als Ghosting bezeichnen wir es, wenn ein Partner sich nach Dates oder auch innerhalb einer Partnerschaft nicht mehr meldet, nicht auf Nachrichten reagiert, sich sozusagen in Luft aufgelöst, anscheinend nie existiert hat. Das ist unschön. Für alle Beteiligten. Für den verlassenen Menschen sowieso. Der wird mit Selbstzweifeln, Fassungslosigkeit und einem Gefühl der Wertlosigkeit durch diesen groben Vertrauensmissbrauch zurückgelassen.

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Was aber geht in dem Menschen vor, der so handelt? Der Ghosting als letzte Möglichkeit zum Schlussmachen sieht? Wie kann man es dem Partner, der Partnerin verwehren, sich mit dem Ende der Partnerschaft auseinanderzusetzen?

Zum einen kann nun laut aufgeschrien werden, dass Ghosting-Praktizierende Arschlöcher seien, die keinen Funken Gewissen und Nächstenliebe im Leibe haben, wenn sie denn so verantwortungslos handeln. Hass und Häme gehen auf die Ghosts hernieder, denn nein, rücksichtsvoll ist ihre Art des Schlussmachens nicht. Die schönsten Antworten, warum man sich per Ghosting aus der Misere stiehlt, findet man in diesem Artikel, die Autorin ist anscheinend schon des Öfteren sang- und klanglos abserviert worden.

Aber wie geht denn Schlussmachen nun, ohne den anderen zu sehr zu verletzen?

Gäbe es ein Patentrezept, hieße ich Dr. Artie und hätte eine gut gehende Schlussmachpraxis in Berlin Friedrichshain, in der sich Mittdreißiger von mir zum Thema Schlussmachen beraten ließen und mir für meinen Rat einen Sack Geld vor die Tür stellten. Ich sitze aber stattdessen alleine in meiner Lieblingsbar und versuche es dennoch mal.

Mir fallen zwei Optionen ein, die uns das Schlussmachen im besten Fall ersparen. Erstens: Keine Beziehungen eingehen, zweitens: Eine Beziehungstherapie machen.

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Für den einen oder die andere vielleicht adäquate Möglichkeiten zur Herzschmerzvermeidung, allen anderen sage ich Folgendes: Wenn man eine Beziehung beenden will, kann man sie meist nicht mehr retten. Auch nicht mit guten Worten und Taten. Wenn der Partner, die Partnerin, erfährt, dass ihr mit dem Gedanken schwanger geht, euch von ihm*ihr zu lösen, kann man sich noch so sehr bemühen, die Beziehung ist meist vorbei. Da hilft dann Ehrlichkeit, die Art von Ehrlichkeit, die am meisten wehtut und zwar allen.

Wie bringe ich einem Menschen bei, dass ich ihn verlassen möchte? Dass ich aus dem gemeinsamen Nest ausziehen werde? Dass ich alles, was wir uns gemeinsam in der Zukunft vorgestellt haben, allein durchleben möchte? Machen wir uns nichts vor – auch, wenn man das Ende noch so freundlich und schonend formuliert, bleibt der Inhalt brutal. Ein Wegschneiden des Anderen.

Es gibt verschiedene Phasen der Trennung und des Liebeskummers, ähnlich den fünf Phasen der Trauer: Das Erahnen des Kommenden, Erstarrung, Aktivismus, Eingeständnis, Wut, Akzeptanz und/oder Verzweiflung.

Der- oder diejenige, der*die Schluss macht, hat die Verantwortung, den Partner nicht zu verarschen. Das bedeutet, dass man Rede und Antwort steht. Das bedeutet, dass man die Wahrheit sagt. Das bedeutet, dass man keine Ausflüchte sucht. Dass man bewusst ehrlich ist und sich nicht in Ausflüchten verliert.

Während ich diese klugen, menschlichen Sätze hinschreibe, überfluten mich Erinnerungen, die so schmerzhaft sind, dass ich Bauchweh bekomme. Ich habe so oft gelogen, war so häufig nicht in der Lage, darüber zu sprechen, was ich will, dass ich verstehen kann, wenn man sich zurückzieht und Ghosting betreibt. Wenn die Angst vor der Auseinandersetzung größer ist als die Angst vor dem Schaden, den man so der anderen Person zufügt. Letztendlich ist so ein Verhalten dysfunktional, denn die Furcht vor Auseinandersetzungen mit anderen Menschen hindert uns daran, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen und uns folgende Fragen zu beantworten:
Ich liebe diese Person nicht mehr. Was ist geschehen, dass es so weit kommen konnte?
Bin ich überhaupt fähig, eine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten?
Kann ich tiefe Liebe empfinden und geben, wenn ich ständig Schluss mache?
Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich eine Person verlasse, die mich liebt?

Diese Fragen sind unangenehm und lassen mich innehalten, lassen mir bewusst werden, dass ich für mich selbst verantwortlich bin. Dass ich verantwortlich dafür bin, dass es mir gut geht. Und es geht mir nur gut, wenn ich mich selbst im Spiegel anschauen kann, wenn ich Schluss gemacht habe, Schluss machen werde.

Dazu gehört auch, mich der Reaktion des ehemals geliebten Menschen zu stellen. Weil ich auch ihm gegenüber Verantwortung habe. Ich darf ihn nicht im Ungewissen lassen, was meine Gefühle anbelangt. Ich werde mir selbst dabei nicht gerecht, ich mache mich aus Angst klein und stecke zurück, wenn ich nicht erhobenen Hauptes zum Schafott des Schlussmachens schreite. Ich werde den Anschuldigungen, den Tränen, der Fassungslosigkeit meines Partners trotzen, weil ich mich selbst liebe. Weil ich Respekt und Achtung vor meinem geliebten Menschen habe, den ich verlassen möchte. Weil mein*e Geliebte*r immer Achtung und Respekt verdient, selbst, wenn ich keine Paarbeziehung mehr möchte. Das gebietet der Anstand, das ist wichtig.

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Handle so, wie du selbst während einer Trennung behandelt werden möchtest.

Machen wir uns doch nichts vor: Wir haben so und so viele Lieben im Leben, wir brechen Herzen, andere brechen unser Herz. Die ewige Liebe mit nur einem Partner, einer Partnerin, bis zum Lebensende gibt es nur sehr, sehr selten. Wenn wir diese Liebe daher brechen, dann brechen wir sie ganz und dennoch ehrlich. Lügen wir nicht, um nicht verletzen zu müssen. Keine falschen Versprechungen, kein „Vielleicht“, kein „Mal sehen“.

Aber vielleicht denke ich auch zu viel. Manchmal kommt die Liebe einfach so abhanden, und wir verharren in der sprachlosen Beziehungseinsamkeit.

„Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.“

4 Comments

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  4. JudgeDark

    4. September 2016 at 14:23

    Danke, ein sehr guter Text dem viel Wahrheit inne wohnt!

    Schließen wir mal das Schlußmachen aus, weil wir verarscht oder krass verletzt worden sind, denn da glaube ich, muss man ganz viel Kraft haben, um nicht auszurasten, wenn man es auf die ehrliche und kommunikative Art versucht, so wie oben beschrieben. Wenn mich wer stetig betrogen oder vielleicht geschlagen hat, dann ist glaube ich die Trennung unvermeidlich und zwangsläufig und da könnte man durchaus auch dieses Ghosting anwenden, der Gegenpart wird wissen woran es liegt.

    Aber ansonsten, wenn einem die Liebe einfach so abhanden kommt, dann ist Ehrlichkeit und Offenheit das Mindeste, was man der vergangenen gemeinsamen Zeit, der Beziehung, dem Gegenüber und sich selbst schuldig ist. Ich finde folgende Aussage fasst es einfach passend zusammen, zumindest nach meiner Meinung:

    „Der- oder diejenige, der*die Schluss macht, hat die Verantwortung, den Partner nicht zu verarschen. Das bedeutet, dass man Rede und Antwort steht. Das bedeutet, dass man die Wahrheit sagt. Das bedeutet, dass man keine Ausflüchte sucht. Dass man bewusst ehrlich ist und sich nicht in Ausflüchten verliert.“

    Das erfordert auch Mut und Kraft, aber verdammt noch eins, das gehört sich einfach so. Einfach in der Versenkung verschwinden oder unehrlich sein … nein danke, halte ich nichts von!

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