Ghosting: Und auf einmal warst du weg

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Ein Text von Penny Calvet.

Ghosting ist einer dieser verwirrenden Begriffe im modernen Beziehungsuniversum – wie Sexting, Benching oder Mingling. Mit Sexting kenne ich mich aus, verruchte Nachrichten schreiben und damit verführerische Sprachhäppchen bis zu meinem Körper auszulegen, kann ich wie keine Zweite. Meiner Phantasie sind beim Schreiben keine Grenzen gesetzt, und nichts geht über ein Vorspiel, das im Kopf beginnt. Auf die lange Bank – wie es beim Benching der Fall ist – wurde ich noch nie geschoben, denn ich bin definitiv einer dieser „Ganz-oder-gar-nicht-Typen“, und Mingles, dieser Mix aus Freunden und Liebenden, sind für mich eine fremde Spezies. Diese Entscheidungsmuffel der Generation Y verderben sich mit ihrer Warmhalte-Taktik den ganzen Spaß!

Dann wäre da noch Ghosting, ein mysteriös klingender Begriff, der geradezu nach schlechtem Thriller schreit. Bis vor einiger Zeit hatte ich keinen blassen Schimmer, dass es Ghosting gibt, beziehungsweise, dass es für das Phänomen, das Ghosting beschreibt, einen extra Begriff braucht.

Bis du entschieden hast, einfach aufzuhören, Teil meines Lebens zu sein.

Ghosting bezeichnet nichts anderes als das plötzliche Verschwinden von Freunden oder dem Partner aus dem eigenen Leben. Von jetzt auf gleich Kontaktabbruch und kein Weg zurück. Kein Wort der Erklärung. Nicht selten haut das die Verlassenen ziemlich um und stürzt sie in ein tiefes Gefühlschaos. So erging es auch mir, aber der Reihe nach.

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Du bist nicht etwa einer meiner Liebhaber, die in meinem Leben kommen und gehen, deren Abgang ich manchmal tränenreich betrauere und die doch irgendwie immer Austauschware bleiben. Versteh mich nicht falsch, meine Liebhaber sind faszinierende Wesen. Für eine Weile sind sie der schillerndste Stern im meinem Universum, aber sie verglühen auch wieder. Manche bleiben länger, manche werden vom Himmel geschossen, andere lassen sich freiwillig hinab fallen, weil sie mit meinen Träumen und Vorstellungen vom Glück nicht mithalten können.

Du aber bist einer dieser Menschen, von denen ich angenommen habe, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Den Begriff „beste Freunde“ mag ich nicht. Ich habe viele Freunde, aber wenige, von denen ich behaupten kann, sie haben eine Ahnung, wer ich wirklich bin. Das klingt nach schmalziger Telenovela-Logik, trifft aber wahrscheinlich bei den meisten Menschen zu. Müsste ich meine besten Freunde aufzählen, wärst du mit Sicherheit immer unter den Top Drei gewesen, und das nicht nur, weil ich wahrscheinlich meine aufregendsten Jugenderinnerungen mit dir verbinde. Dein Zuhause, nur wenige Straßen von meinem entfernt, war unser Ankerpunkt. Ich weiß nicht, wie oft ich bei dir war, es kommt mir heute unzählbar vor.

Wir sind älter geworden, plötzlich waren wir Teenager mit Gefühlswallungen und keine halbstarken Kinder mehr, die zusammen durch den Wald zogen. Ich habe mich, ohne es zu merken, bis über beide Ohren in dich verliebt. Konfrontiert mit diesen Gefühlsausbruch, sprachen wir das erste Mal für eine Weile nicht mehr miteinander. Übermütig vom vielen Alkohol haben wir dann an meiner Geburtstagsparty ausprobiert, ob wir auch im Bett gut miteinander harmonieren und festgestellt, dass unsere Anziehungskraft wohl doch eher geistiger Natur ist. Das damals war eine Lehrstunde in fehlgeleiteter Illusion, wir hatten schlicht das Gefühl der Nähe mit sexueller Begierde verwechselt. Ich war von meiner romantischen Liebe geheilt. Aufregend war dieser Ausflug trotzdem.

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Dann kam der Tag, an dem ich mich nach dieser Sache das erste Mal wieder zu dir getraut habe. Mit klopfendem Herz, wohlwissend, dass ich mich hinter ein paar anderen verstecken konnte, die schon bei dir waren, hatte ich trotzdem selten in meinem Leben so viel Herzrasen wie vor dieser Wiederbegegnung.

Nach kurzer Zeit war alles wieder wie immer, wir haben es geschafft, diesem Ausflug in die Welt der Begierde nicht zu viel Bedeutung zuzuschreiben. Unsere Freundschaft ist daran nicht zerbrochen. Natürlich ist das mit dem Sex nochmal passiert, wir reden ja schließlich vom echten Leben, da gehört Probieren, Scheitern, nicht einsehen und nochmal probieren dazu. Es war wieder Scheiße. Danach haben wir endgültig die Finger voneinander gelassen. Freunde sind wir geblieben, auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis wir wieder über Gefühle reden konnten. Für mich hat es sich so angefühlt, als wären wir uns durch dieses Grenzen-Austesten noch näher gekommen, auch wenn wir uns körperlich voneinander entfernt haben.

Schließlich sind wir beide weggezogen aus der engen Kleinstadtidylle und haben neue Welten erkundet, neue Freunde gefunden, geliebt, gelacht und uns doch niemals ganz aus den Augen verloren. Wir sind uns ziemlich ähnlich darin, große Träume zu haben und durch das Leben zu hetzen. Und sich bei anderen melden, wird niemals zu unseren Stärken zählen. Manchmal haben wir wochenlang nichts voneinander gehört. Aber du warst immer meine imaginäre Notfallnummer. Auch wenn ich niemals Gebrauch davon gemacht habe, war das ein unsagbar gutes Gefühlt, dass da jemand ist, der mich so gut kennt und versteht.

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Dann bist du mal wieder zu einem deiner Abenteuer aufgebrochen. Ich habe mich zwar gewundert, dich aber trotzdem dabei unterstützt und dich verteidigt vor all den anderen, die nicht verstanden haben, warum du unbedingt schon wieder was ganz Neues ausprobieren musst. Den Drang kannte ich nur zu gut von mir selbst. Ich hab so sehr mitgelitten, als du mit deinem großen Traum gescheitert bist, das kannst du mir glauben. Ich war da – und du warst plötzlich weg. Von einem auf den anderen Tag aus meinem Leben verschwunden. Ghosting.

Ich wünschte, ich wüsste das Datum noch, an dem die neue Zeitrechnung begonnen hat, ohne dass du mich vorher davon in Kenntnis gesetzt hättest. Eins sage ich dir: Liebeskummer ist nichts gegen Freundschaftskummer. Du warst weg, und ich hab meine Notfallnummer verloren, meinen „Wenn ich 30 bin und wir beide noch Single sind, heirate ich dich“-Plan, den wir uns mit 14 ausgedacht haben. Der irgendwo auf einem Zettel stand, der längst im Müll gelandet ist, weil niemand damals daran dachte, dass ich irgendwann verzweifelt danach suchen würde.

Hab ich was falsch gemacht? Bin ich der Grund für dein Ghosting? Die Frage kannst nur du mir beantworten. Wahrscheinlich.  Fehler passieren mir häufiger im Leben, ich hab nur niemals daran gedacht, dass wir nach all den Jahren so einfach krachend scheitern würden. Und das Sitzengelassenwerden vom besten Freund so lange so weh tun kann.

Fotos: Melanie Ziggel // Melanie Ziggel auf Facebook // Und bei Instagram

1 Comment

  1. JudgeDark

    18. August 2017 at 16:45

    Sehr schön geschrieben, auch wenn die Sache ansich nicht schön ist.
    Wobei ich nicht unbedingt den Fehler bei mir suchen würde … es kann so viele Gründe geben, wieso jemand plötzlich weg ist und sich selber die Schuld dafür zu geben, macht es in meinen Augen nicht einfacher. Natürlich muss man und wird man drüber nachdenken, aber man sollte sich nicht mit Vorwürfen belasten, die man nicht mal entkräften oder bestätigen kann, da ja nun jemand zum Ghost geworden ist, den ich für die Lösung dieses Rätsels zwangsläufig brauche.

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