Generation Porno: Wir müssen nicht alles schlucken!

By  |  6 Comments

Mir schwappt just in diesem Moment das Herzchen ein bisschen über. Denn der heutige Post stammt von einer jungen Lady, die mir ganz schön wichtig ist. Mila White heißt sie und ist gerade mal 18 Sommer jung. Mila gehört zu den Mimi&Käthe Fans der allerersten Stunde, und deshalb habe ich sie in den letzten drei Jahren ein bisschen groß werden sehen. Umso mehr freute ich mich, als Mila mich neulich fragte, ob ich mal einen Text von ihr lesen wollte. „Über die Generation Porno ist der“, verriet sie mir, und ich sagte: „Jajaja, rück raus, liebes Mädchen!“ Jetzt lest mal schön, was ein Mitglied der Generation Porno über eben diese zu sagen hat. Herzlich willkommen in der Squad, Mila-Küken :)

Von Mila White

„Pass auf, ich schick dir mal was Geiles über Bluetooth!“
„Ja, was denn?“
„So’n Video von ’nem Typen, der ein Hühnchen fickt!“

Nach diesem Dialog blieb mir erstmal mein Chicken Nugget im Hals stecken. Ich liebe ja Hühnchen, aber sicher nicht so.

In meiner Handybildergalerie finden sich im Jahre 2010 viele Selfies, die ein Gesicht zeigen, das an einen gefüllten Streuselkuchen erinnert, die Zähne glitzern dank der neu angelegten Zahnspange silbern. Und da war es. Das Video mit dem Hühnchen, mit dem Hühnchen, das dem Moment, in dem es anal penetriert wurde, wahrscheinlich eine spontane Schlachtung vorgezogen hätte. Hatte ich das wirklich sehen wollen? Ich unschuldiges Küken, zwölf Jahre jung, keine Ahnung von Liebe, geschweige denn von Sex oder Pornos. Trotzdem sah ich hin.

Hört ihr auch, wie die Nadel vom Plattenspieler abrutscht? „Wie jetzt? Generation Porno und mit zwölf noch Jungfrau? Spätzünderin!“

Während der Pubertät, die in meinem Fall noch nicht so lange her ist, dreht sich alles um Selbstfindung und den eigenen Körper, die erste Liebe und, ganz klar, das erste Mal. Mit meinen mittlerweile 18 Jahren bin ich aus dem Gröbsten raus, doch das Hühnchenvideo steckt noch tief in meinen Gedanken und wahrscheinlich auch ganz tief in einem Ordner irgendwo auf Youporn, XHamster und Co.

Hier schreibt ein Mädchen aus der Generation Porno, das gar nicht so Generation Porno sein mag. Ehrlich gesagt, fühle ich mich davon ganz schön unter Druck gesetzt. Ich kann keinen Schwanz „schlucken“, und ich will es auch nicht können. Aber man(n) erwartet es. Wenn die Frauen in den Pornos das können, dann kann das auch jede andere. Ja nee, is’ klar. Wenn Superman fliegen kann, dann könnt ihr Jungs das ebenfalls! Und Einhörer gibt es auch, Indianerehrenwort!

Generation Porno
Ich will nicht die Pornographie an sich schlecht reden, geschweige denn einen auf „Alle Jungs sind gleich“ machen. Ihr „älteren“ Mimi&Käthe Leser könnt wahrscheinlich alle Fiktion von Wirklichkeit unterscheiden, aber uns, der Generation Porno, fällt das nicht immer leicht. Und so suchte auch ich, damals zwölf Jahre jung und ganz und gar nicht selbstsicher, auf Youporn und Co. nach Anregungen für meinen ersten Sex. „Denn“, so dachte ich mir, „wenn der Herzensmann mit seinen coolen Kumpels heimlich Bier hinterm Jugendhaus trinkt und ihnen von unserem ersten Mal berichtet, soll er davon schwärmen, dass ich mindestens genauso versaut bin wie Sasha Grey.“

Also machte ich mich auf die Suche. Den Laptop auf den Beinen, die Puppe Frieda neben dran. Bald schon werde ich fündig: Anal, Cum, Fetisch und Blowjob… Einen Klick später sah ich dann die – für klein Mila – grausame Pornorealität. Mein Mädchenherz schrie, und ich hielt der Puppe Frieda die Augen zu. Genau so schnell wie ich auf die Seite gekommen war, war ich wieder weg.

Trotz des ersten Schocks blieb ich neugierig und schaute weiterhin Pornos. Ganz heimlich, wenn die Mutti arbeiten war, still und leise, dreimal die Lautstärke auf stumm gestellt, damit es auch ja niemand mitbekommt. Warum ich das getan habe, wenn ich doch anfangs so erschrocken war? Weil es mich interessierte. Und weil es in meiner Generation einfach normal ist. Wir sind einen Klick von den krassesten Pornos entfernt, nicht so wie damals zu Opas Zeiten, als man sich Heftchen am Kiosk kauften musste und zwei Stunden später die halbe Nachbarschaft wusste, dass Horst Frauen mit großen Boobies mag.

Generation Porno

Fotos (3): Dahlia von Turbozucker

Wir Mädchen sind übrigens nicht die Einzigen aus der Generation Porno, die von den immer krasseren Sexclips unter Druck gesetzt werden. Auch die Jungs stehen unter dem Druck, lange zu können und genauso oft zu kommen wie James Deen. Einen Porno zu schauen, sich selbst zu befriedigen und danach entspannt zum ersten Date zu gehen, damit man später beim Zum-Schuss-Kommen tatsächlich erst später zum Schuss kommt und nicht gleich nach zwei Minuten, das kennt der ein oder andere Junge.

Wir aus der Generation Porno müssen erst einmal lernen, dass keiner als Liebhabermaschine geboren wird, dass man sich und seine Vorlieben und die des Partners erst kennenlernen muss. Das funktioniert aber nicht, indem ihr googelt „Was mögen Männer/Frauen beim Sex?“, sondern, indem ihr – jetzt haltet euch fest – KOMMUNIZIERT! Redet mit eurem Partner darüber, schaut meinetwegen gemeinsam einen Porno an, aber verlangt keine Dinge, die eure Freundin oder euer Freund nicht wollen.

Das alles geht besonders an die jüngeren Leser von Mimi&Käthe. Lasst euch nicht zu Dingen überreden, die ihr nicht wollt, nur damit ihr mitreden könnt und niemand euch prüde nennt. Lasst euch Zeit mit dem Sex, so viel ihr braucht.

Mittlerweile habe ich meine innere „pornöse“ Mitte gefunden. Ich habe gelernt, mich nicht von Pornos und meiner Generation, der Generation Porno, beeinflussen zu lassen, sondern mir vielmehr Anregungen zu holen, die sich für mich gut anfühlen. Und das durchaus aus Pornos. Irgendwann habe ich akzeptiert, dass es normal und nicht schlimm ist, dass ich nicht „deepthroaten“ kann und stehe inzwischen selbstsicher dazu. Das ist okay. Und an den, der das nicht akzeptieren kann: „Entweder bist du blind auf beiden Augen, oder nur einfach blöd! 

Statt mit einer übertriebenen Sexshow versuche ich seit meiner Erkenntnis, mit Kochen zu punkten, das kann ich nämlich richtig gut. Hühnchen muss es allerdings nicht geben :)

6 Comments

  1. Chris

    23. Mai 2016 at 9:31

    Liebe Mila,

    gut gebrüllt! Ich persönlich finde allein die Bezeichnung „Generation Porno“ ja schon ziemlich diffamierend und stigmatisierend – vor allem, wenn dann noch die „Populärmedien“ auf den Zug aufspringen und eben jener „Generation Porno“ eine sexuelle Verrohung unterstellen. Umso erfreulicher, dass Du – und ich habe fast das Gefühl, Du sprichst nicht nur für Dich allein – so kritisch-reflexiv mit Pornographie umgehst.

    Als ich vor nicht sooo langer Zeit im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit zur Wirkung pornographischer Inhalte auf jugendliche Rezipienten mit einer …sagen wir „erfahrenen“, emeritierten Sexualwissenschaftlerin und Biologin in einem Café bei einem Expertengespräch zusammensaß – und wir geschlagene 3 Stunden über (O-Ton) „…große Schwänze, Vaginalmodifikation und Anal-Bleaching…“ diskutiert hatten, fasste sie all das, was ich auf rund 100 Seiten erarbeitet hatte, in nur einem Satz ziemlich treffend zusammen:“Pornos sind ein Genussmittel!“ Und wie das Genussmittel so an sich haben, empfiehlt sich eine „gesunde Dosis“ und ein (selbst)reflexiver Umgang.

    Das „Hühnchen-Trauma“ kann ich übrigens ziemlich gut nachvollziehen, mir ging es in einem Sex-Shop in Amsterdam vor vielen Jahren ziemlich ähnlich :O

    Vielen Dank für Dein „Insight“

    Watch responsible ;)

    Chris

    • Mila White

      18. Juli 2016 at 11:32

      *knicks* :)

  2. JudgeDark

    7. Mai 2016 at 10:10

    Feiner Text mit viel Weisheit … diesen Transfer muss man erstmal schaffen von der Pornwelt in die reale. Respekt dafür … !

    Ich denke heute wo Porno allgegenwärtig ist, ist das eben nicht leicht. Ich weiß noch damals, als man noch Videokasetten geschaut hat oder gar mit Magazinen angefangen hat, die Papa im Schrank versteckt hatte. Neugierig war man und ein bischen überrascht, was es so alles gibt. Auch damals musste man aber verstehen, dass das nur Fiktion ist und das wahre Leben eher anders aussieht. Darum sollte man sich nicht davon unter Druck setzen lassen und ich kann den Aufruf nur unterstützen, dass man nichts tun sollte, was man nicht will, nicht leisten muss was dort gezeigt wird und sich als junger Mensch langsam an das Thema begeben sollte; man muss nicht gleich beim ersten Mal alle Spielarten der Sexualität ausleben und man muss verstehen, dass Porno zwar Sexualität zeigt aber nicht unbedingt das Maß aller Dinge ist. Sexualität ist so viel mehr als Porno, auch wenn es oftmals darauf reduziert wird, eben weil Porno so allgegenwärtig ist.

  3. Münsterländer

    6. Mai 2016 at 20:59

    Ich kann die werte Autorin vollends nachvollziehen.
    Während meine Freunde sich bepisst haben vor lachen, als sie irgendwelche Tierpornos geschaut haben, bin ich angewiedert aus dem Raum gestürmt und habe Apfelschorle getrunken.
    Aber mit der Zeit und nach diversen Erfahrungen, kam auch ich zu dem Schluss, dass ich nicht so wie ein Pornodarsteller bin und auch nicht sein will.
    Also kann ich mich Dir nur anschließen und sagen weder muss ein Penis verschluckt werden, noch muss Mann 1 Stunde standhaft sein (sofern Ihr das nicht wollt).
    Lasst Euch in Eure Sexualität nicht reinreden.

    • Mimi

      Mimi

      6. Mai 2016 at 21:23

      Schöner Kommentar, danke dir! :)

      • Münsterländer

        7. Mai 2016 at 14:58

        Gerne, liebe Mimi. ^.^

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *