Generation No Regeneration: Du bist immer auf ON

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Ein Text von Antoinette Blume.

Ich sehe schon irgendwie noch Sinn.

Aber alles fühlt sich so leer an, so angestrengt, gezwungen. Nicht aufgeben, durchhalten, keine Kür, halt den Standard. Hamsterradlaufen, immer auf „ON“, alles irgendwie schaffen, keine Pause, Pausen sind was für Abgehängte. Ich höre bei Deutschlandfunk ein Interview. „Der Mensch kann nur so viel leisten, wie er regenerieren kann“, behalte ich mir als Message.

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Regeneration, Energie wieder reinholen. Mache ich das? Zwei Stunden netflixen und anschließend einschlafen, ohne wirklich zu wissen, was im Film gesprochen wurde, ist das meine Erholung, meine Regeneration? Wenn die Gedanken nur noch um den Alltag, um den nächsten Schritt, die nächste Abgabe kreisen? Habe ich noch alles im Griff?

Kontrollzwang. Bitte schick mir ein Foto vom Paketschein, Überweisungsträger, wie du in der Tram sitzt. Entgleisung, Müdigkeit, ja, am liebsten Espresso zum Aufstehen, obwohl er mir nicht mehr schmeckt. Vier Zigaretten, kein Frühstück, schon wieder zu spät dran. 14 Tage durcharbeiten, die Erlebnisse ziehen nur so dahin. Kleinste Fehler und Missverständnisse lodern dafür umso länger, hinterlassen erschreckendes Chaos. Die Vernachlässigung eigener Bedürfnisse. Sex wird zur Nebensache, zu müde, keine Fantasie, kein Verlangen, nein, nur eine Erinnerung an einen Termin, den man völligst vergessen hat, das löst noch Erschrecken aus. Traurig.

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Es wird Abend, ich stehe auf der Gästeliste für eine Show, plus eins, selbstverständlich. Mein plus eins möchte nicht mehr mit mir ausgehen. Ich möchte mit niemandem mehr ausgehen. Möchte mich bemitleiden, jemandem zum 100. Mal vorheulen, wie viel ich arbeite. Dass ich zwei Wochen frei hatte, aber trotzdem unglücklich war. Kein Adrenalin, keine Bestätigung, zu wenig Außenreize. Ergo völlige Abhängigkeit von Außenreizen. Das einzige Aufbäumen der letzten Reste geschieht nur noch unter dem eigenen Druck, der Welt standzuhalten. Immer mitlaufen, dennoch vorreiten. Ideen einfach nur durchdenken, nicht sofort umsetzen, die eigenen Erfolge feiern, happy sein, Kraft und Energie speichern, mit den Liebsten teilen. Sich wieder für andere freuen können. Ja, das würde ich gerne.  Regeneration. Hätte ich gerne. Weiß nicht wie, möchte nur schlafen. Und doch nicht.

Und jetzt? Handy aus, mal spazieren gehen, egal, ob da noch selbstauferlegte Arbeit liegt. Sich klarwerden: Es gibt für alles eine Lösung. Und nein, es geht nicht um Leben und Tod, relativiere ich meine Projekte.

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Schmiege mich abends an meinen Freund und baue uns ein Fort aus Kuscheltieren und Kissen auf. Ich solle meine Gedanken aufschreiben und sie ein Stückchen gehenlassen, sagt er mir. Das habe ich hiermit getan – und ja, das tat mir gut. Schlafe acht gesunde Stunden und werde mit einem Kuss geweckt, seine schwarzen Äuglein schauen mich an und fragen: „Und, etwas besser?“ Ja. Besser.

Fotos: Luna

3 Comments

  1. Rheintochter Esme

    3. November 2017 at 21:43

    Und wieder einmal werde ich daran erinnert, dass ich höllisch aufpassen muss, nicht der Sklave meiner „praktischen“ Technologie zu werden… Danke für den schönen Augenöffner! 💖
    Liebe vom Rhein!

  2. Amber

    30. Oktober 2017 at 14:32

    Danke für diese ehrlichen Worte! Es tut gut zu wissen, dass es anderen auch so ähnlich geht. Dennoch ist es umso trauriger, dass es anderen auch so ähnlich geht. Ich mag diesen ehrlichen Schreibstil. Mir blieb etwas die Luft weg, bei dem Stress. Man erkennt sich wieder. Danke.

  3. JudgeDark

    30. Oktober 2017 at 9:59

    Ja … man sollte öfter seine eigene Mitte finden, den Kopf frei machen. Bei all den Reizen, ob beruflich oder privat, darf man das nie vernachlässigen, da man sonst sich selbst vernachlässigt und sich vielleicht sogar verliert.

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