Gamergate: Wie frauenfeindlich ist die Videospielszene?

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Hans Pørnflake ist nicht nur der beste Typ der Welt, Vintage-Porno-Connaisseur, Ober-Nerd, einer meiner Für-immer-Lieblingsmenschen und trug Bart, lange bevor es hip wurde. Hans Pørnflake ist darüber hinaus Gamer und Feminist in Personalunion. Geil. Was liegt da näher als ein Text über einen der größten Skandale der Videospielszene – Gamergate? Hadouken, Hans!

Von Hans Pørnflake

Unter normalen Umständen würde man die Verbindung dieses wunderbaren Blogs und dem Bereich der Videospielkultur nicht auf Anhieb nachvollziehen können. Leider ist aber ein Teil der unübersichtlichen und in sich geschlossenen Gamercommunity ein riesiger Haufen frauenfeindlicher Scheiße – und daher dann doch relevant.

Gut, das ist natürlich etwas verallgemeinernd und vielleicht auch nicht fair, allerdings stimmt es, dass die Gamingszene insgesamt alles andere als feministisch ist, ja, Feminismus sogar als negativ konnotiert sieht.

Dass in dieser Szene ein seltsames Verhältnis zu Frauen vorherrscht, ist nicht allzu verwunderlich. Spiele waren ewig lange von Männern für Männer gemacht. Frauen spielten nur dahingehend eine Rolle, dass sie in den Spielen vorkamen, und das meist wenig schmeichelhaft. Weibliche Protagonisten waren nicht existent bis Mangelware, und Ausnahmen wie Lara Croft waren – obwohl sie als stark und selbstbewusst dargestellt wurden – nicht mehr als eine feuchte Fantasie Zwölfjähriger.

Worauf ich hinauswill, ist, dass es auch in inzwischen jahrzehntelanger Entwicklungsgeschichte noch immer eine Szene ist, die fast ausschließlich von Männern bestimmt wird und die erschreckend wenig Rücksicht auf die wachsende Zahl der weiblichen Gamer nimmt. Das nimmt dergestalt üble Züge an, dass der Feminismus in Teilen der Gamingkreise mit allen Mitteln bekämpft wird. Und was würde das Ganze besser beschreiben, als eines der schändlichsten Kapitel in der Geschichte der Videospielszene: Gamergate.

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Um für euch kurz das Grundsätzliche zu Gamergate zusammenzufassen: Die „Bewegung“, die sich hinter dem Twitter-Hashtag #GamerGate versammelte, begann mit einem Blogeintrag des Ex-Freundes der Spieleentwicklerin Zoe Quinn, in dem er seiner Kränkung durch die Veröffentlichung von privaten Chats, Mails und anderem Luft machte. Er warf Quinn vor, eine Beziehung mit dem Journalisten Nathan Grayson eingegangen zu sein, nur aus dem Grund, ihre Spiele besser vermarkten zu können. Quinn war zu dieser Zeit eine erfolgreiche Entwicklerin, deren Spiel „Depression Quest“ weitgehend positive Rezeption erfuhr. Schon zu dieser Zeit war sie Ziel einer Hasskampagne, die sie unter anderem dazu zwang, ihre Telefonnummer zu ändern.

Eron Gjoni, Quinns Ex-Freund, nutzte seine Beziehung zu Gruppen von Spielern, die schon länger durch frauenfeindliches Verhalten aufgefallen waren, und erzeugte eine Kampagne, die das Ziel hatte, die Beziehung zwischen Spieleentwicklerinnen und dem Journalismus zu diskreditieren. Ursprünglich „Quinnspiracy“ genannt, wurde bald der Begriff Gamergate zum Titel der Kampagne.

Schon nach kurzer Zeit zeigte sich allerdings, dass es dem wütenden Mob kein Stück darum ging, Probleme in der Spieleindustrie und dem Spielejournalismus aufzudecken. Quinn und andere Opfer der Gamergate Kampagne, wie zum Beispiel die Entwicklerin Brianna Wu oder die Kritikerin Anita Sarkeesian, wurden das Ziel einer Hasskampagne, die alles bisher Dagewesene übertraf. Es wurden nicht nur Drohungen gegen die Frauen und jeden, der ihnen zur Seite sprang, ausgesprochen, sondern es wurden zudem Email-Accounts gehackt und private Dokumente und Details aus ihrem Leben veröffentlicht. Mord- und Vergewaltigungsandrohungen wurden so massiv, dass einige der Opfer ihre Wohnungen verlassen und Veranstaltungen canceln mussten. Sarkeesian zum Beispiel musste eine Rede an der Utah State University absagen, da jemand anonym gedroht hatte, ein Massaker wie in Montreal zu veranstalten. In Montreal hatte 1989 der Antifeminist Marc Lepine 14 Frauen umgebracht.

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Ziel der Kampagne waren fast ausschließlich Frauen aus der Szene. Viele Männer, die ihnen zur Seite standen, wurden gar nicht oder weit weniger hart angegangen, als weibliche Gegner von Gamergate.

Inzwischen ist Gamergate ein sehr prominentes Beispiel für eine gundsätzliche Haltung in der Gamingcommunity. Frauenfeindlichkeit ist immer direkter und dominanter zu einem der wesentlichen Züge der Szene geworden, die sich nicht mehr nur in der Rezeption von Spielen zeigt, sondern auch alle anderen Bereiche und Interessen bevölkert. Wenn Anita Sarkeesian ein Video ihrer berühmten Serie „Tropes vs. Women in Video Games“ veröffentlicht, die sich mit der Darstellung von Frauen in Videospielen beschäftigt, setzen rasend schnell die immer wieder gleichen Mechanismen ein. Sarkeesian ist inzwischen so etwas wie der Schlüsselreiz des frauenverachtenden Teils der Videospielszene. Egal wo und in welchem Zusammenhang ihr Name auftaucht, folgt ein nicht enden wollender Schwall von Beleidigungen, Anschuldigungen und Drohungen. Dabei wird gerne auf schon lange bekannte Muster gesetzt, so dass sich Sarkeesian immer wieder anhören muss, dass sie für die unzähligen Todes- und Vergewaltigungsdrohungen selbst verantwortlich sei.

Für jeden, der sich selbst als feministisch bezeichnet, ist dieser Zustand untragbar. Es fehlen aber nicht nur die Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, sondern, und das ist viel wichtiger, die Selbstreinigungskräfte innerhalb der Szene. Die frauenverachtende Minderheit – und es ist nur eine Minderheit – hat ähnlich wie die radikale Minderheit in der Flüchtlingsdebatte, längst die Hoheit des Diskurses erlangt. Sie sind so laut, obszön und gewaltbereit, dass sich viele, die sich ihnen eigentlich entgegenstellen würden, schlicht nicht trauen.

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Fotos (3): Ika Fan

Immerhin hatten die schandhaften Entwicklungen der letzten Jahre den positiven Effekt, dass von Seiten der Industrie ein Umdenken stattgefunden hat. Das zeigt sich nicht nur in dem Versuch, die Rollenbilder innerhalb der Spiele aufzuweichen, sondern auch darin, dass man aktiv gegen Frauenfeindlichkeit innerhalb der Szene vorgeht. Doch bis es dort eine spürbare Verbesserung gibt, wird noch einige Zeit vergehen. In der Zwischenzeit werden weiterhin Frauen, egal, welche Position sie in der Szene innehaben, beleidigt, entwürdigt und bedroht.

Die Fotos in diesem Post stammen von Fotografin Ika Fan. Hier geht’s zu ihrer Facebookseite, und das ist ihr Tumblr.

7 Comments

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  5. Doc H

    12. Mai 2016 at 7:56

    Vorweg – Sarkeesian verdient weder Todes- noch Vergewaltigungsdrohungen noch sonst irgendwelche Anfeindungen.

    Inhaltlich kann man sie jedoch stark kritisieren – mittlerweile ist eigentlich hinlänglich bekannt, dass sie unhaltbaren Bullshit verbreitet.

    Nur ein Beispiel für unzählige Videos, die ihre Thesen haarklein auseinander nehmen:

    https://www.youtube.com/watch?v=25o0EZiogw0

    • Mimi

      Mimi

      13. Mai 2016 at 12:10

      Mag ja sein, darum geht es ihren frauenfeindlichen Hatern in diesem Zusammenhang aber gar nicht. Es geht da um eine radikale Frauenfeindlichkeit, bei der es Wumpe ist, ob Sarkeesian „unhaltbaren Bullshit“ verzapft oder das neue Gamerevangelium predigt. Arme, bemitleidenswerte Scheiße.

  6. JudgeDark

    28. März 2016 at 13:48

    Hm … für mich ein untragbarer Zustand. Es ist sicher auch der ganzen Anonymität im Netz geschuldet, da sind einfach viele, die keinen Arsch in der Hose haben und im Reallife kleine Versager sind. Für mich auch ein Grund um Medien wie FB fern zu bleiben, da liest man so viel Dünnschiss von echten Flachpfeifen.

    Ich war selber ne ganze Weile in der Gamerszene aktiv, muss aber dazu sagen, dass mir solche Tendenzen nicht aufgefallen sind. Liegt aber wohl daran, dass die Leute um mich rum, sei es in der Realität oder in der Community, nicht so getickt haben. Nur die Zahl an weiblichen Gamern war damals eher klein, wir hatten ein Mädel im Clan (bei rund 20 Mitgliedern)!

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