Pornoregisseurin Erika Lust: Weibliches Vergnügen zählt

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Ein Text von Virginia Heart.

Eine junge Frau liegt nackt im Bett. Durch ihr Fenster betritt ein gutaussehender, dunkel gekleideter Herr den Raum. Sie bietet ihm ihren Hals an, er entscheidet sich für ihre Vagina. Er leckt genüsslich, nein, gierig. Die junge Frau stöhnt lustvoll auf, und um den Mund ihres Liebhabers sammelt sich nicht nur das feuchtglänzende Zeugnis ihres Genusses, sondern Blut. Die junge Dame menstruiert. Der Vampir zwischen ihren Beinen kann kaum genug von ihr bekommen. Am nächsten Morgen findet sie einen Zettel neben dem Bett. Darauf steht: „Bis nächsten Monat.“

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Der Kurzfilm gehört zur Filmreihe XConfessions von Pornoregisseurin Erika Lust. Die Ideen dafür senden Leute, die ihre Fantasien gern professionell in einem Erotikfilm umgesetzt sehen wollen, über Erikas Website ein (Anm.: Aus jugendschutzrechtlichen Gründen dürfen wir auf Erikas Website nicht verlinken, vom Googlen können wir euch dagegen natürlich nicht abhalten :) ). Ich bin absolut fasziniert von dem, was ich eben sah. Im Fokus des Films steht das Vergnügen der weiblichen Hauptperson. Ihre Periode wird als willkommen portraitiert. Die gesamte Ästhetik der Produktion ist so fernab aller Clips, die mir auf Pornhub, YouPorn oder Red Tube entgegen flimmern.

Um die Hintergründe der Darstellung besser zu verstehen, suche ich den Kontakt zu Erika Lust. Nachdem sie im Jahr 2000 ihren Abschluss in Politikwissenschaften mit den Schwerpunkten Menschenrecht und Feminismus absolvierte, zog sie nach Barcelona, wo sie noch heute lebt. Sie ist Produzentin, Autorin und Regisseurin und eine Wegbereiterin feministischer Pornografie. Nach einer kurzen Recherche interessiere ich mich brennend für Erikas Ansätze. Glücklicherweise brennt sie eben so dafür, ihre Botschaft zu verbreiten.

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Mimi&Käthe: Erika, als ich einen kurzen Report von einem deiner Film-Sets sah, fiel mir auf, dass du mit einem größtenteils weiblichen Team arbeitest. War dieser Eindruck korrekt, und wenn ja, ist das eine bewusste Entscheidung? Wie entscheidest du, mit wem du hinter der Kamera arbeitest?

Erika Lust: Das ist eine absolut bewusste Entscheidung! Ich habe schon immer betont, wie wichtig es ist, auch hinter der Kamera mit Frauen zusammen zu arbeiten. Eine meiner vier Hauptideen für das neue Erwachsenen-Kino ist diese: „Weibliches Vergnügen zählt“, und wer könnte weibliches Vergnügen und weibliche Sexualität besser repräsentieren als eine Frau?

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Mimi&Käthe: Warum ist genau das so wichtig?

Erika Lust: Jill Soloways Grundgedanke bezüglich „The Female Gaze“, also des weiblichen Blickwinkels – Jill Soloway ist eine amerikanische Autorin, Regisseurin und Schauspielerin – auf dem Toronto International Film Festival war sehr klar bezüglich eines Problems. „Was ist der ,Male Gaze‘, der männliche Blickwinkel?“, fragte sie. Die Antwort: „Es ist so ziemlich alles (…), alles was Sie je gesehen haben, die meisten TV-Serien, alle Kinofilme.” Es ist also höchste Zeit, dass wir mehr Vielfalt und eine unterschiedliche Perspektive auf all das aufzeigen. Ein anderer Diskurs, in dem Frauen über die Repräsentation ihrer Sexualität entscheiden, Sex aus ihrer Perspektive zeigen und nicht länger Vergnügungsobjekte für Männer sind.

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Mimi&Käthe: Wie lässt sich das konkret realisieren?

Erika Lust: Ich denke, wahre Kontrolle über die Lust in Pornos entsteht über aktive Entscheidung bezüglich der Produktion und Präsentation. Das bedeutet, leitende Positionen mit Frauen zu besetzen. Regisseurinnen und eine weibliche Crew wollen eine Alternative bieten. Einfach alles, was man nie zuvor gesehen hat. Indem Platz für Frauen und ihre Perspektiven geschaffen wird, nähern wir uns der Gleichberechtigung.

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Mimi&Käthe: Wo findest du die Frauen, die dir helfen, deine Visionen umzusetzen?

Erika Lust: Je größer die Vielfalt in Pornografie ist, desto mehr Perspektiven bestehen, und desto eher sieht der Zuschauer andere Realitäten. Mit dieser Idee im Sinn habe ich kürzlich einen weltweiten Aufruf für Filmregisseurinnen gestartet. Ich möchte die nächste Generation weiblicher Erwachsenen-Filmemacherinnen finden, die zu meiner Mission beitragen, Pornos zu verändern. Um das zu erreichen, habe ich für das gesamte Projekt 250.000 Euro angesetzt. Wir müssen explizite Filme produzieren, die sex-positiv sind, so dass junge Leute und kommende Generationen Sex in einem realistischen Licht als etwas Angenehmes empfinden. Gleichberechtigung und Einverständnis in jedem Produktionsschritt sind wichtig. Ich habe mich also entschlossen, den Weg dafür zu ebnen, zu investieren und neues weibliches Talent zu finden, das die nächste Welle des weiblichen Erwachsenenkinos anführen soll.

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Mimi&Käthe: Als ich Can Vampires Smell My Period?, zu deutsch: „Können Vampire meine Periode riechen?“ sah, sprach mich unter anderem an, dass die weibliche Darstellerin den Vampir durch die bewusste Präsentation ihres Halses verführte, was Handlungsmacht auf ihrer Seite vermittelt. Welche anderen Mittel, diese Dynamik zu verdeutlichen, nutzt du?

Erika Lust: Gleichberechtigung und Einverständnis, im Englischen „Consent“, sind Teil jeder Stufe meiner Filme. Ich betone das und die Darstellung derer, um dem undeutlichen Portrait des Einverständnisses zwischen Darstellern in Mainstream Pornos entgegen zu wirken. Für meinen Film An Appointment with My Master habe ich einen tatsächlichen Master, Mickey Mod, und eine erfahrene Masochistin, Amarna Miller, gecastet und eine ganze BDSM-Session zwischen den beiden gefilmt. Sie experimentieren mit Peitschen, Fesseln, Klammern und Wachs. Während der gesamten Zeit wird deutlich, dass die Macht bei der Sub, der „Unterworfenen“, liegt und der Dom, also der dominante Part, nur da ist, um ihr Vergnügen zu bereiten. Im gesamten Dialog ist Einverständnis offensichtlich und sinnfällig.

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Mimi&Käthe: Nach welchen Kriterien besetzt du die Rollen deinen Produktionen?

Erika Lust: Wenn es um eine Fantasie geht, die über XConfessions eingereicht wurde, ist mir Authentizität sehr wichtig. Ich muss Realismus durch die Geschichten und die Performance der Darsteller zum Ausdruck bringen, also ist der Casting-Prozess oft schwierig. Ich bin immer auf der Suche nach Darstellern, die meine Ansicht im Bezug auf Gleichberechtigung teilen, Frauen respektieren und sich eine Alternative in der Porno-Industrie wünschen. Sie alle teilen eine Leidenschaft für sex-positive Kultur und sind sehr stolz auf ihre Arbeit. Wenn ich die Darsteller dann kenne, denke ich über die Fantasie nach, die ich drehen will, und ob ich sie darin sehe.

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Mimi&Käthe: Ich mag, wie XConfessions einen direkten Blick auf die Fantasien vieler Frauen ermöglicht. War es das, was du mit diesem Projekt im Sinn hattest?

Erika Lust: Es entstand aus dem Gefühl, dass wir eine Alternative zur Perspektive des Mainstream Pornos brauchen. Diese Alternative wollte ich für Menschen, die wie ich der Meinung sind, dass Sex nicht als billig, geschmacklos und vulgär präsentiert werden muss, kreieren. Menschen, die Sex auf eine realistischere, sex-positivere und intelligentere Art auf der Leinwand sehen wollten. Weibliches Vergnügen war die Grundlage des neuen Kinos, das ich erschaffen wollte. Also begann ich, Regie bei Erwachsenenfilmen zu führen, die ich selbst mögen würde. Filme, von denen ich dachte, dass andere Frauen und Männer auf der Suche nach etwas Neuem, Sinnlicherem und Ethisch-Produziertem sie auch mögen würden. Mein erster Film war The Good Girl, der als Teil eines Abschluss-Projektes entstand. Ich veröffentlichte ihn als kostenlosen Film online, und er wurde in ein paar Monaten über 2 Millionen Mal angesehen. Einige Leute begannen, mir zu schreiben, um mich zu den folgenden drei Filmen zu beglückwünschen. Und sie schickten mir ihre Fantasien, mit der Bitte, sie zu verfilmen. Das war der Anfang. So kam XConfessions zustande. Es war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt.

Erika Lust bei Facebook

Alle Fotos: Erika Lust // Erika Lust Films
Alle Fotos in der Galerie stammen aus der neuen Erika Lust Produktion „XConfessions vol.7“

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