Feministische Glaubwürdigkeit oder: Emma Watsons Brüste

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Ein Text von Christina, Girl Boss beim Blog Time For Girl Power.

Heute wollte ich euch eigentlich kurz und knackig die Basics des Feminismus erklären, aber daraus wurde nichts. Denn der 8. März kam mir dazwischen – Weltfrauentag. Ein jährliches Ereignis mit so wahnsinnig viel Bedeutung, Ausdruck und Power, dass ich einige meiner Gedanke dazu mit euch teilen möchte.

Denn der Weltfrauentag ist kein Tag wie jeder andere. Das wurde mir mal wieder klar, als ich Tage später in meinem Lieblingscafé saß und mich bei einem leckeren Stück Carrot Cake und einer Menge Koffein durch meinen Social Media Newsfeed scrollte. Dort sah ich unzählige Posts zu dem Thema. Motivierende Fotos der weltweiten Demonstrationen, tolle Statements, verewigt auf Papier und Stoff. Menschen, die durch den Feminismus zusammen gefunden haben und gemeinsam dafür kämpfen. Glückliche Gesichter, unendliche Liebe und Girl Power überall!

Das zeigte mir, dass es der Feminsmus über all die Jahre weit gebracht hat, dass sich tagtäglich mehr tut und dass wir auf einem insgesamt guten, fortschrittlichen Weg sind. Nichtdestotrotz fällt mir auf, dass es noch viel zu erklären gibt, viele Missverständnisse zu beseitigen und noch viele Gedankengänge zu tun sind. Auch in meinem Umfeld zeigt sich immer wieder, dass viele unter uns den Feminismus noch nicht so ganz verstanden haben, aber bereit dazu sind, diese  Bewegung kennenzulernen und vielleicht den eigenen Blick darauf zu verändern. Ich hoffe, dass ich denen unter euch, die dem Feminismus eine (zweite) Chance geben, einige Fragezeichen im Kopf ausradieren und sie zu Ausrufezeichen machen kann.

Weltfrauentag

Zuerst einmal sei jedoch gesagt, dass eine feministische Denkweise nicht von heute auf morgen entsteht. Es ist ein Prozess, der zumeist schleichend, durch Schlüsselmomente und einschneidende Erlebnisse ausgelöst wird. Der Entschluss, eine Feministin zu sein, kann innerhalb einer einzigen Sekunde getroffen werden, den Feminismus zu verstehen und ihn mit all seinen Facetten zu kennen und zu leben, dauert ein Leben lang. Und das ist absolut nicht schlecht. Denn wer sich verändert, entwickelt sich weiter und motiviert sich selbst und andere immer wieder dazu, Sachverhalte zu hinterfragen und Denkstrukturen zu verändern.

Bis vor ein paar Jahren war auch mir nicht wirklich bewusst, wie bedeutsam der Weltfrauentag in der Geschichte der Frau und vor allem der Gleichberechtigung ist. Heute bin ich der Meinung, dass dieser Tag wichtig für uns alle sein sollte. Auch für die Männer unter uns! Denn die Botschaft des Weltfrauentages sowie des Feminismus hat sich in den letzten Jahrzehnten weiterentwickelt.

Während es zu Beginn hauptsächlich darum ging, dass Frauen endlich auch all die Rechte haben sollten, die bis dahin nur den Männern vorbehalten waren, steht der Feminismus heutzutage für die Rechte aller Menschen ein. Wie die liebste Mimi schon sagt: „Die Zukunft ist nämlich menschlich – weiblich, männlich, trans*, was auch immer. Es geht um Werte, nicht um Geschlechter!“

Das sollte schon in der Schule vermittelt werden. Denn auch, wenn uns Probleme nicht direkt betreffen oder wir denken, dass sie uns nicht direkt betreffen, müssen wir aktiv werden und auf sie aufmerksam machen, wenn wir morgen in einer besseren Welt für uns alle leben wollen.

Genau das kann man jedes Jahr am internationalen Weltfrauentag beobachten, wenn sich Frauen aller Altersgruppen und verschiedenster Herkunft versammeln, eine Einheit bilden, auf die Straße gehen, diskutieren und ihre Forderungen laut verkünden. Im Jahr 1918 trugen sie damit sogar maßgeblich dazu bei, dass das Frauenwahlrecht durchgesetzt wurde. Ein sehr bedeutsames Ereignis, an das wir uns heute immer wieder erinnern sollten!

#TIMEFORGIRLPOWER Auf dem Kiez in Sankt Fucking Pauli!

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Aber mal abgesehen von den politischen Zielen des Feminismus, für die sich Frauen nicht nur an einem Tag wie dem Weltfrauentag einsetzen, geht es heute zunehmend um Dinge, die sich nicht an Gesetzen festmachen lassen. Ein passendes und aktuelles Beispiel dafür ist der aktuelle Skandal um Emma Watson (26), ihre Brüste und ihre feministische Glaubwürdigkeit, die erst kurz vor dem Weltfrauentag zu einem riesigen Shitstorm und einer damit verbundenen weltweiten Diskussion geführt hat.

Hier ein paar Fakten. Emma Watson ist Schauspielerin. Sie wurde mit ihrer Rolle der rothaarigen „Hermine“ in den „Harry Potter“-Filmen bekannt. Heute ist sie für mich, zusammen mit Lena Dunham, eine der bemerkenswertesten Feministinnen und Aktivistinnen unter den Stars und Sternchen. Immer engagiert, motiviert und laut. Emma Watson ist Sonderbotschafterin von UN Women und Initiatorin der Kampagne „He For She“, bei der sich Männer zum Feminismus bekennen. Für viele ist Watson eine sehr wichtige Stimme des Feminismus. Bis zu DIESEM Vorfall: Die Schauspielerin war Cover-Star der März-Ausgabe des Vanity Fair Magazins, trug auf einem der Foto ein schickes Strickteil, bei dem man ihren Brustansatz erkennen konnte.

Hier könnt ihr euch das Bild ansehen.

Das Geschrei war groß, denn: Man sieht ihre Brüste! Skandalös, dachte sich manche(r) und: „DAS kann keine echte Feministin sein, die würde sich niemals SO präsentieren!“ Viele, auch aus feministischen Reihen, äußerten ganz ungeniert Kritik an Emma Watson, warfen ihr vor, wiedersprüchlich gehandelt zu haben, denn freizügige Fotos gehören nun mal nicht zu dem weltbekannten und weit verbreiteten feministischen Stereotyp.

Aber Emma Watsons Brüste gehören dazu. Sie gehören zu ihr und zu ihrer Identität als Feministin. In einem Interview äußerte Watson sich zu den Vorwürfen so: „Im Feminismus geht es darum, Frauen selbst entscheiden zu lassen. Feminismus ist keine Waffe, mit der du andere Frauen schlagen sollst. Es geht um Freiheit, um Befreiung, es geht um Gleichberechtigung! Ich weiß nicht, was meine Titten damit zu tun haben sollen.“

Durch Vorfälle wie diesen wird klar, dass wir noch immer am Anfang zu stehen scheinen – nicht ganz am Anfang, aber am Anfang der vierten Welle des Feminismus (was es mit diesen Wellen auf sich hat, erkläre ich euch bald). Wir müssen langsam, aber sicher begreifen, dass Gleichberechtigung auch bedeutet, eigene Entscheidungen treffen zu können und zu unseren Körpern stehen zu dürfen – im privaten wie im öffentlichen Raum. Genau darum geht es schließlich im Feminismus: selbst entscheiden zu können. Deshalb sollten wir aufhören, darüber zu reden, was Frauen nicht sind, was Emma Watson nicht darf und stattdessen darüber reden, was wir dürfen. Nämlich alles, was wir wollen. Im modernen Feminismus geht es um Selbstbestimmung und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und nicht um die Entstehung neuer Grenzen.

„A GIRL SHOULD BE TWO THINGS: WHO AND WHAT SHE WANTS“ (Coco Chanel)

PS: Die süßen #fmaggies haben pünktlich zum Weltfrauentag ihr neues Magazin „F Mag“ gelauncht. Politik, Sex, Lametta und ganz viele tolle Sticker findet ihr darin. Schaut es euch an und lest meine Review dazu auf meinem Blog Time For Girl Power. Hier findet ihr die Review!

Illustration: Christina

3 Comments

  1. JudgeDark

    18. April 2017 at 18:34

    Keine Ahnung ob das Interview hier hin passt, aber ich fand es so interessant, dass ich es doch hier mal reinstellen wollte.

    Anja Delastik: „Es darf nicht sein, dass fast ausschließlich Männer entscheiden“ (zeit.de)

    Link: http://www.zeit.de/karriere/2017-04/female-empowerment-interview-anja-delastik-cosmopolitan/komplettansicht

  2. JudgeDark

    20. März 2017 at 20:26

    Schöner Text.
    Die Reaktionen auf Frau Watson zeigen doch, dass viele dieses Thema noch nicht wirklich verstanden haben, auch wenn sie sich als Feministinnen bezeichnen. Jut, ich bin auch erst am Anfang des Weges der Erkenntnis (stets fachkundig von diesem Blog begleitet), aber das hab selbst ich verstanden.

    • Christina

      21. März 2017 at 21:46

      Ich danke dir für dein Feedback!
      Und hoffe, dass ich noch weiter bei der Entdeckung des Feminismus helfen kann. Auch ich stehe noch am Anfang s o vieler feministischer Themen, die ich noch erkunden möchte.

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