„Du hast dich so verändert“: Wie viel Einmischen in Beziehungen ist okay?

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Ein Text von Artie Shaww.

Neulich im Café.

Zwei Freundinnen rührten sich nicht, auch nicht in ihren Tassen, sondern blickten stattdessen mit versteinerten Gesichtern in eben jene hinein. Was war passiert? Eigentlich wollten die beiden irgendeinen Uni-Kram vorbereiten. Das ging auch so lang gut, bis die eine ihren Rechner zuklappte und mit vor Unheil dräuender Stimme sprach: „Du, ich muss dir was sagen!“

„Hm?“ Ihre Freundin schrieb noch ihren Satz zu Ende und schob den Rechner von sich.

„Weißt du – das wollte ich dir schon lange sagen.“

„Na, komm, was denn?“ Lächelnd rutschte das Mädchen in eine bequemere Sitzposition.

„Also, mir fällt das nicht leicht, denn ich will mich ja auch nicht einmischen, aber mir ist aufgefallen, dass du dich, seitdem du mit Hagen zusammen bist, sehr verändert hast. Du machst kaum noch was mit uns Mädels. Michelle und Svea finden das auch.“
„Wie bitte?“ Das Mädchen richtete sich auf und blickte seine Freundin fragend an.

„Ja, ich glaube, dass dir Hagen echt nicht gut tut. Der hat dich verändert. Du magst nicht mehr mit uns shoppen gehen, und auch die Fernsehabende fallen flach. Ich habe mir von Anfang an gedacht, dass der nicht mehr ganz sauber ist. Wie gesagt, ich will mich nicht einmischen, aber das, was du von der Beziehung preisgibst – oder eben auch nicht – klingt nicht gut.“

Ein erneutes, diesmal fassungsloses „Wie bitte?“ war die Antwort.

Sprachlos saßen sich beide mit verschränkten Armen gegenüber, wütend. Beide so fern voneinander.

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Eine partnerschaftliche Beziehung zwischen Menschen ist ein sehr fragiles Konstrukt, das aus Kompromissen, Zugeständnissen und einem, wie auch immer gearteten, Austausch zwischen zwei (oder mehreren) Individuen besteht. Diese Menschen gehen eine Gemeinschaft ein, deren Regeln im Laufe der Zeit abgesteckt werden und vielleicht auch immer in Bewegung bleiben, damit sich alle gut und wohl fühlen. Das bedeutet Arbeit.

Dass diese Art von Arbeit einem nicht immer leicht und locker von der Hand geht, sondern auch Anstrengung bedeutet, wissen eigentlich alle, die schon einmal eine Beziehung geführt haben. Es scheint selbstverständlich, dass man sich in einer Beziehung auch verändert, denn man agiert nicht mehr für sich allein, sondern bildet mit einem anderen Menschen eine Einheit. Man kümmert sich um den Partner, man entdeckt Neues, sieht die Welt, die Gesellschaft durch die Augen des anderen, tauscht sich darüber aus und fühlt sich wohl mit diesem Menschen.

Allerdings gibt es auch die Phasen, in denen nicht alles rund läuft und die Beziehungswelt eben nicht aus einer Zuckerwattewolke besteht, auf der kleine Putten herum hopsen und Liebeselfen rosarote Herzchenpfeile verschießen. Phasen, in denen es ans Eingemachte geht.

Vielleicht stecke ich gerade am Anfang einer Beziehung zu einem Menschen, der mich ganz anders behandelt, als ich es gewöhnt bin. Vielleicht habe ich eine Beziehung mit einem verheirateten Elternteil, das sich entschließt, seine Familie für mich zu verlassen. Vielleicht leidet mein Partner an einer Krankheit, sodass sich das Verhältnis zwischen uns verändert. Vielleicht hat sich meine anfängliche offene Beziehung in eine sehr symbiotische umgewandelt.

Als außenstehende Person bekommt man die kleinen zarten Zwischentöne, die in einer Beziehung eine große Rolle spielen, indes kaum mit. Sondern man nimmt nur wahr, wie sich die vormals enge Freundin, der eigene Bruder oder der gute Kumpel verändert hat und meist – wie man meint – zum Nachteil. Wenn sich dann die enge Freundin, der eigene Bruder oder der gute Kumpel tatsächlich unglücklich an einen wendet, weil es gerade nicht so rund in der Beziehung läuft, jubiliert so mancher  unbewusst innerlich und denkt sich: „Ich wusste es schon immer! Ich hab es ja gleich gesagt!“ Oder aber man bindet der Freundin im Café auf die Nase, dass ihr Fehlen bei den seit jeher monatlich stattfindenden Girls’ Nights ganz klar zeige, dass ihre Beziehung sie zum Nachteil verändert habe. Was für eine unnötige Äußerung, ein Einmischen, das keiner Partei etwas bringt.

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Ich bin daher froh, dass ich in einem meiner Ex-Partner einen Mann gefunden habe, der mich und meine Beziehungen einfach annimmt, egal wie es mir geht. Kein Einmischen, keine vorschnellen Urteile. Unsere Konversationen laufen daher meist wie folgt ab:

Er fragt: „Liebst du?“
Ich: „Ja!“
Er: „Geht es dir schlecht dabei?“
Ich: „Ja schon. Aber dann auch wieder gut!“
Er: „Du liebst. Dagegen kommst du nicht an. Du musst diesen Weg zu Ende gehen. Du wirst selbst entscheiden, wann er zu Ende ist.“
Ich: „Aber, aber, aber …“
Er: „Dein Verstand mag was anderes fühlen, aber du kannst nicht rational handeln. Du liebst. Gehe mit dem Gefühl, hinterfrage dich, die Beziehung, sprich und teile dich mit. Aber verurteile dich selbst niemals, dass du imstande bist, zu lieben.“
Ich: „Und zu leiden.“
Er: „Ja, auch das Leid gehört dazu.“

Und genau damit kann ich etwas anfangen. Mit einem Freund, der sich nur gefragt einmischt, den ich um Rat frage, dem ich mein Herz ausschütte und der mir dann noch so antwortet, bin ich sehr gut aufgestellt. Von so einem Menschen nehme ich Ratschläge an, weil sie tiefer gehen, teilweise wehtun, weil sie kritisch, reflexiv sind.

Beziehungen sind zunächst von gegenseitiger Anziehung und Liebe getragen, man liebt seinen Partner und hinterfragt zunächst nichts. Man möchte keine ungefragte Kritik von außen annehmen, selbst, wenn sie noch so lieb/besorgt/aufrichtig gemeint ist. So lange ich als kritisch hinterfragender Mensch mit der jeweiligen Situation innerhalb meiner Beziehung klarkomme, möchte ich niemals ein Urteil über selbige zu hören bekommen, das ich nicht erbeten habe. Denn sich ungefragt in Beziehungen einzumischen und zu sagen, der Partner täte einem nicht gut, man habe sich zum Nachteil verändert – so etwas macht ein wahrer Freund nicht.

Wenn man allerdings Sorge hat, weil sich die ehemals enge Freundin, der eigene Bruder, der gute Kumpel sich neuerdings sehr seltsam kleidet, konträre Ansichten äußert, auf Anrufe, Nachrichten überhaupt nicht mehr oder nur noch sehr abweisend reagiert und plötzlich alles schleifen lässt, dann wäre ein Einmischen mehr als wünschenswert.

Zurück zu den beiden Freundinnen im Café.

Betrübt schaute die eine aus dem Fenster und sagte leise: „Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich in Hagen einen Partner habe, der mich so annimmt wie ich bin. Der sich für mich interessiert und der schaut, wo meine Stärken und Schwächen liegen. Der komplett gerne Zeit mit mir verbringt. Ich fühle mich wohl, geborgen und sicher. Und so ein Mensch soll nicht gut für mich  sein?“

Sie blickte ihre Freundin an. Die hatte wenigstens den Anstand, rot zu werden und nach unten zu schauen.

Fotos: Luna

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