Und wofür das alles? Ein Nachdenken gegen den Neid

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Ein Text von Artie Shaww.

Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner, die Kirschen aus des Nachbars Garten sind immer röter, und um es mit Schopenhauer zu sagen: „Der Neid der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen; ihre beständige Aufmerksamkeit auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr sie sich langweilen.“

Ein Nachdenken gegen den Neid.

„Ich finde dich so schön“, rufe ich aus, „deine Brüste, deine Figur. Du bist so appetitlich wie ein petit four!“ Bewundernd betrachte ich ihre Kurven, ihren vollen Mund, das seidig dunkelbraune Haar, ihre milchig-weiße, sommersprossenbesprenkelte Haut. Unwillkürlich lecke ich mir die Lippen. Sie dreht sich vor dem Spiegel, kichert mädchenhaft und hält sich verschämt ihre kleine, perfekt-runde Hand vors Gesicht. Wie kann man nur so komplett aus Zucker zu bestehen scheinen? Leichtfüßig schwingt sie ihre Kiste ins Bad, summt dabei irgendeinen alten HipHop-Song. Ich blicke ich ihr nach. Schaue an mir herunter.

Ich bin gegen sie die dürre, schwarze Frau mit dünnen Haaren, einer zu großen Nase, komischen Knubbelkien, und während sie die saftige Süße eines Pfirsichs ausstrahlt, empfinde ich mich manches Mal eher als einen Kanten Brot. Und dennoch. Neid? Bin ich neidisch auf sie? Auf ihren schönen Körper?

Tänzerin 1 by IkaFan

Während Geräusche aus dem Badezimmer dringen, sitze ich immer noch auf dem blanken Boden und starre in das Draußendunkel. Neid … eines der sieben Hauptlaster, ihm beigestellt sind Eifersucht und Missgunst. Neid ist der eiterfarbene, schleimige Faden, der sich gedanklich zu dem zieht, was eine andere Person besitzt, etwas, das ich begehre, unbändig begehre, sodass sämtliche Gedanken sich um diese Sache ranken.

Kann ich sie mir aneignen? Und wenn ja, wie kann ich sie mir aneignen? Wieso hat diese andere Person nur so unverschämtes Glück und ich nicht? Die Person weiß das nicht zu schätzen, also kann ich es mir doch einfach nehmen. Oder? Wenn ich mir das Objekt der Begierde nicht aneignen kann, dann soll der andere es auch nicht besitzen. Ich zerstöre es. Der erste Mord der Bibel basiert auf Neid.

Neid ist kein Gefühl, das uns anspornt, Dinge, die wir nicht können, bei anderen aber bewunderen, zu erlernen, zu trainieren, uns zu verbessern, damit wir auf uns stolz sein können. Nein. Neid macht, dass wir uns in dem Gefühl suhlen, eh nichts dafür zu können, dass man so und so aussieht; dass man dies oder jenes nicht kann.

Dennoch lässt Neid uns nicht handlungsunfähig zurück, sondern wir können durchaus kreativ-boshafte, manchmal fast schon kriminelle Energien entwickeln, um der beneideten Person zu schaden. Da kratzt schon mal ein schniekes Rautenmuster ins neue Auto des Nachbarn. Oder die eigene Schwester bekommt eine freche Kurzhaarfrisur aufgeschwatzt, die alle Menschen erschrocken aufblicken und ratlos zurücklässt. Vielleicht wird auch aus Versehen der Kaffeebecher über den Rechner der talentierten Kollegin gekippt.

Denn es wird nicht nur neidisch auf das Äußere geschaut, sondern auch auf Talente, berufliche Positionen, Gehälter, Objekte, Partnerschaften. Als letztens mein Boi eine wirklich gute Kurzgeschichte schrieb und sie mir mit der Bitte schickte, sie zu korrigieren, war ich tatsächlich kurz neidisch auf ihn. Er hat so viele andere Talente, und mein Bereich ist nun einmal das Schreiben. Warum drängte er sich in mein Metier? Dann aber fühlte ich ein Lächeln in meinen Mundwinkeln und freute mich darüber, dass ich so einen kreativen Menschen um mich habe, mit dem ich mich austauschen kann, der meine Texte versteht, meine Gedanken aufgreift, sie weiterspinnt, neu erfindet. Der selbst Texte schreibt und so viel Vertrauen in mich hat, dass ich sie lesen und weiter entwickeln darf.

Tänzerin 6 by IkaFan

Das ist, was ich dem Neid entgegensetzen möchte: Dieses Lächeln. Gepaart mit einer inneren Gelassenheit, die mich gönnen und mich darüber hinaus auch noch an dem erfreuen lässt, was andere erschaffen und/oder besitzen. Ich bin dennoch weit davon entfernt, der gottverdammte Dalai Lama zu sein, dafür fluche ich zu gerne.

Neid lässt uns nicht groß werden, lässt uns nicht wachsen, sondern ist eher der spießige Beamtenbriefbeschwerer, der tonnenschwer auf der eigenen Kreativität platziert wird und uns beschränkt. Was kann man dagegen tun? Um sich wieder leicht und frei zu fühlen, hilft eigentlich schon folgende Frage: „Wofür?“ Wofür brauche ich große Brüste? Kann ich mir eine vernünftige Antwort geben, weshalb ich dringend einen Buchvertrag und den Pulitzerpreis brauche? Wenn ich also dieses „wofür“ ernsthaft, reflexiv beantworte, dann verfliegt der Neid und löst sich in Wohlgefallen auf. Dann ist wieder Platz für selbstbestimmtes, kreatives Gedankengut. Oder für einen Spaziergang. Oder einen Friseurbesuch.

Und deshalb sitze ich hier immer noch auf dem Boden, höre, wie meine schöne Freundin sich schminkt, dabei singt. Ich könnte sowohl neidisch auf ihren Körper sein, als auch darauf, wie sie Wörter zu Sätzen, zu Gebilden schmiedet, wie klug sie Gedanken formuliert und mit einer Nonchalance durch die Medienszene wandelt, die mich staunen lässt.

Oder traurig darüber sein, dass ich nicht sie bin? Aber nein. Stattdessen bin ich glücklich, dass ich ich bin und dass ich sie kenne, sie betrachten kann und mit ihr sein darf. Denn seien wir ehrlich: Klar ist es cool, wenn ich einen Ansporn, einen Wingman zur Seite habe, aber manchmal ist es genauso gut, cool mit sich selbst zu sein und sich selbst als genauso so toll wie die anderen zu empfinden, nur eben – anders.

Fotos: Ika Fan

1 Comment

  1. JudgeDark

    7. Januar 2018 at 14:26

    Sehr gut geschrieben … danke dafür!
    Ja, der Neid und die Missgunst … für mich ganz furchtbare Dinge die uns Menschen anhaften, denn sie machen ganz viel kaputt und vieles schwer.
    Ansporn ist immer gut, aber man sollte sich selber nicht zu klein machen. Jeder hat seine Vorzüge und guten Seiten … und das sollte man sich immer vor Augen halten. Genau wie hier angeklungen sollte man das schätzen, was man hat und nicht das begehren was andere zu haben scheinen.

    Übrigens: vor der saftige Süße eines Pfirsichs fehlt ein „n“. ;)

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