„Du solltest dich schämen!“ – Ein Brief an die Zeigefingermenschen

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Ein Rant von Tori Ford.

Vor gar nicht allzu langer Zeit trat dieser sehr gut aussehende und vermeintlich tolle Herr in mein Leben. Wir trafen uns im Club, tanzten und vergnügten uns. Ließen uns mit Fummeleien noch etwas Zeit, weil wir hofften, das mit uns könnte etwas werden. Es folgten unzählige Kurznachrichten, Telefonate und Facetime-Sitzungen. Um ein Haar hätte es auch geklappt, wären da nicht diese drei bis 28 Diskrepanzen gewesen, die unseren kurzen gemeinsamen Weg pflasterten. Und die mich dazu brachten, diesen Rant zu schreiben.

Kennst du sie auch, die Männer, die Menschen, die dich klein halten, die Regeln für dich und eure Beziehung aufstellen wollen und sie als Kompromisse verkleiden? Die dir im schlimmsten Fall das Gefühl geben, du müsstest dich schämen – für deine Art zu lieben, für dich selbst, für eigentlich alles? Die sich als entspannt und verständnisvoll ausgeben und an uns modernen Frauen angeblich großen Gefallen finden. Vielleicht wollen sie uns mögen, vielleicht gefallen wir ihnen tatsächlich – so meine Theorie. Die Praxis dagegen hat in solchen Fällen oft ein hässliches Antlitz, gezeichnet von früheren Enttäuschungen, Vergleichen und Schubladendenken.

So auch im Fall des jungen Mannes, der mir noch vor gar nicht langer Zeit so gut gefiel. „Ich will doch keine Frau die mehrmals pro Woche ausgeht, vielleicht noch allein und Alkohol trinkt. Schon mal gar keine, die mehr als fünf Sexualpartner hatte oder es schon mit mehreren Typen/Frauen/Menschen gleichzeitig getrieben hat. Bäh, sag ich da. Ganz ehrlich? Schämen sollte die sich! Richtiger Abturn! Außerdem bin ich ja wohl die unangefochtene Nummer eins. Wenn ihre Freundin ein Problem hat, kann sie die auch später noch trösten, bei denen geht’s doch eh nur ums Ficken, wegen Berlin. Das kann warten. Flirten oder andere gute finden geht auch null klar. Ich bin nämlich nicht so, ich bin ein straighter und gerader Typ, ich mache immer, was ich sage. Angeleckt, meins! So nämlich.“

Er hat das alles genauso gesagt, auch das mit dem Schämen. Nicht alles auf einmal, aber immer mal wieder ließ er derartige Spitzen in unsere Gespräche einfließen. Auch andere Männer, die mir begegnet sind, haben ähnliche Ansichten vertreten.

Und ich denke: Puh. Können wir uns kurz alle mal wieder beruhigen? Das frage ich, eine Frau, die sich für gar nichts schämen muss, weder für die Anzahl ihrer Sexpartner, noch dafür, dass sie gern ausgeht oder in Krisenzeiten ihren Freunden beisteht. Was für ein verschrobenes Weltbild.

Liebe Zeigefingermänner und -menschen, was hättet ihr denn gern? Die klassische Madonna-Hure-Kombination oder besser ganz unschuldig und noch mit Jungfernhäutchen versiegelt? Eigene Meinung geht schon klar, aber bitte nicht übertreiben, richtig? Dumm fickt außerdem auch besser, dann wählt man eben das kleinere Übel, wie so oft im Leben.

Lasst mich an dieser Stelle etwa klarstellen. Ich rede nicht von den guten Männern und Jungs, die uns Frauen verstehen, die uns respektieren und ganz selbstverständlich auf Augenhöhe mit uns agieren. Ich spreche von den Männern, für die wir Spielzeuge sind. Die eine Anfang 20-Jährige mit 30 Jahren Lebenserfahrung zur Freundin wollen. Eine Granate im Bett natürlich, aber alles Wissen dazu hat sie ausschließlich aus dem Sexualkundeunterricht. Denn Frauen, die dir Links zu besseren Pornoseiten messagen als dein Kumpel, schicken sich nicht, oder, wie der schöne Mann aus dem Club es ausdrückte: Schämen sollten die sich. Eine, die man vielleicht noch ein bisschen formen und kneten kann. Die wenig Widerworte gibt und schön zu Hause bleibt, wenn man das möchte.

Nasti_M&K

„Schönen guten Morgen“, sage ich da und: „Herzlich willkommen im Jahr Fast-2018!“ Wo Frauen vögeln, wann und mit wem es ihnen gefällt. Warum? Weil sie es können. Oh Lord, und sie reden auch noch offen darüber. Anzeige ist raus! Wir dürfen sogar anziehen, was wir wollen, ohne damit eine Begrapsch-mich-Einladung rausgeschickt zu haben. Ja, wir Mädels heutzutage rotten uns auch gern mal zusammen und trinken einen, manchmal sogar mehrmals die Woche. Wir gehen donnerstags schon spielen, obwohl am Donnerstag doch noch gar kein Wochenende ist.

Diese Liste könnte ich tatsächlich noch endlos lang weiter führen. Frauen dürfen nämlich alles, alles, was Männer auch dürfen. Und es gibt Dinge, die wir schlichtweg nicht wollen. Zu diesen Dingen gehört, uns Vorschriften machen zu lassen. Weder von Männern, noch von anderen Frauen, die mit unserer Art zu leben, nicht klarkommen.

Den guten Männern muss ich das nicht erklären, die wissen das. Doof nur, dass die Männer, welche sich hier angesprochen fühlen sollten, meist viel zu unreflektiert und von ihrer Machophilosophie überzeugt sind. Daher möchte ich abschließend einfach denen danken, die anders sind.

Vielleicht sagt ihr nun, dass es genauso viele Frauen gibt, die ähnlich von Männern reden und sich ihren eigenen kleinen Pantoffelhelden erschaffen möchten. Die gibt es, keine Frage. Ich gehöre aber nicht dazu und kann eben nur aus meiner Perspektive berichten. Für alle allgemeingültig aber kann ich sagen: Egal, ob Mann oder Frau – lasst euch in keine Schablone quetschen. Ihr seid genauso so hervorragend, wie ihr seid, und wenn das Beziehungskleid beginnt zu zwicken und euch die Luft abzuschnüren, dann passt es womöglich einfach nicht. Seid so wild und so brav, wie es euch entspricht, seid ihr selbst, und verbiegt euch für niemanden. Oder wie Carrie Bradshaw aus „Sex And The City“ sagte: „Vielleicht ist es manchen Frauen nicht bestimmt, gezähmt zu werden. Vielleicht müssen sie in Freiheit leben, bis sie jemanden finden, genauso wild wie sie, der mit ihnen läuft.“

Eure Tori Ford

Foto und Model: Nasti van der Weyden

4 Comments

  1. Claudia

    18. November 2017 at 16:17

    … das lesen sogar ältere Mädchen und stimmen zu! ;)

  2. Lotta Love

    12. November 2017 at 13:35

    Nachdem ich mir die aufgestellten Nackenhaare wieder glatt gebürstet habe, bleibt mir nur mein Mitgefühl zu bekunden mit solchen Herren, die sich letztlich mit ihrer Entrüstung selber in die Tasche lügen. Irgendwann werdet ihr feststellen, dass die erfahrenen Frauen die sind, mit denen man am meisten Spaß haben kann.

  3. Kathy

    4. November 2017 at 12:17

    Absolut wahr! Das ist wie eine Hommage an mein Leben. Aber sobald man aus der ersten „Beziehung“ raus ist, die so läuft, passiert das so schnell nicht wieder. Da läuten die Alarmglocken.
    Danke für diesen Text! Hoffentlich liest ihn irgendwo ein junges Mädchen und fühlt sich angesprochen.

  4. Rheintochter Esme

    3. November 2017 at 21:35

    Kann Dir da nur zustimmen! Nicht Du solltest Dich schämen, sondern derjenige, der sowas denkt und sagt! Es hat doch nun wahrlich lange genug gedauert, bis wir endlich aus dieser ganzen verlogenen „So etwas schickt sich nicht!“-Heuchelei rausgekommen sind, oder? Solche Zeigefingermenschen gehören in die 1950-er, und die sind glücklicherweise vorbei. Ein dreifaches Hoch auf Tori! 💖
    Liebe vom Rhein!

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