Was heißt hier Rohdiamant? Oder: Du sollst deinen Partner nicht erziehen

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Ein Text von Esme van de Slampen.

Ich kenne Kai und Mona seit gefühlt tausend Jahren. So lange, dass sie in meinem Kopf „schon immer“ dabei waren, also seit mindestens zehn Jahren, wenn nicht noch länger. Mittlerweile sind Kai und Mona glücklich verheiratet, und ich gönne es den beiden von Herzen. Doch muss ich gestehen, dass ich Kai zu meinen Freunden zähle, Mona „nur“ zu meinen Bekannten. Da sie aber nun einmal zu Kai gehört, treffen wir uns alle regelmäßig gemeinsam. Kein Problem – eigentlich. Denn Mona hat eine Angewohnheit, die mich auf die Palme bringt: Sie behandelt Kai vor anderen gerne so, als sei er ein Vollpfosten.

„Sorry, dass wir zu spät gekommen sind, aber erst konnte ich meine Ohrringe nicht finden, und dann musste ich DIESEN verpeilten Typen auch noch daran erinnern, dass wir heute verabredet waren!“ Derartigen Äußerungen folgt regelmäßig demonstratives Augenrollen, das ich persönlich nur an den Tag lege, wenn meine kleinen Kater wieder mal an der Gardine hochklettern.

Oder sie versucht, zu diktieren, worüber sich in geselliger Runde unterhalten wird. Wehe Kai, er redet in Gesellschaft über seine Hobbys, mit denen sie nichts anfangen kann. Was fällt dem Kerl auch ein, sich für etwas zu interessieren, das Mona langweilig findet?

Auch dass Kai viel arbeitet und dadurch wenig Zeit hat, wird ihm mit Vorliebe bei passender Gelegenheit – vor zahlreichen „Zeugen“ – zur Last gelegt. Als Kai bei einer Party übermüdet und betrunken mitten in der Unterhaltung einschlief, kam das genervte Augenrollen wieder zum Einsatz, als ob Madame noch nie in ihrem Leben zu tief ins Glas geschaut hätte.

Für sich genommen, mögen das alles Kleinigkeiten sein. Aber Kleinigkeiten summieren sich mit der Zeit und werden irgendwann zu etwas Großem. In diesem Fall einem großen Aufreger – für mich, wohlgemerkt.

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Liebe Monas da draußen: Menschen sind keine Hunde, keine Wesen, die sich vor anderen wortlos herum kommandieren und schelten lassen. „Esme, wovon zur Hölle redest du? Das Eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun!“ Doch, das hat es.

Besonders Frauen leiden bedauerlicherweise oft unter der Fehlannahme, dass sie den Herzensmenschen „erziehen“ könnten. Dass der Rohdiamant nur „geschliffen“ werden muss, um „perfekt“ zu sein. Also wird Druck gemacht, es wird gefordert, genörgelt und ja, zum Teil auch schikaniert, siehe oben.

Bitte verabschiedet euch von dieser Idee. Eine Beziehung besteht aus mindestens zwei mehr oder weniger erwachsenen Menschen, von denen jeder ein Individuum mit eigenen Macken, Ticks und Bedürfnissen ist. Und das auch in einer Beziehung bleiben sollte. Der Trick besteht darin, erstens mit den eigenen Marotten ehrlich umzugehen, sie zweitens auch dem Partner zuzugestehen und drittens sich damit zu arrangieren. Es wäre doch verlogen, wenn ich meine „special features“ als „charmant“ feiern und ähnliches gleichzeitig meinem Liebsten absprechen würde, oder? Ganz davon abgesehen, dass permanentes und aggressives Reglementieren in der Regel zu nichts als Trotz führt. Oder wie würde es euch gefallen, ständig zu hören, wie nervig ihr euch benehmt, dass ihr euch gefälligst zusammenreißen sollt, und überhaupt: „Willst du etwa in dieser Hose vor die Tür gehen?“ Nein, das gefällt niemandem.

Bislang hat noch niemand aus meinem Bekanntenkreis sein Verhalten in Folge von Erziehungsversuchen geändert. Vielmehr wurde es dem, der erzogen werden sollte, in vielen Fällen irgendwann zu viel – und er trennte sich.

Den Partner erziehen zu wollen, führt zu nichts außer Frust und Ärger, letztlich bei beiden Seiten. Ich weiß, was man in der Anfangsverliebtheit für total süß hielt, geht einem nach fünf Jahren mitunter tierisch auf die Nerven. Aber nicht der Partner hat sich verändert, sondern die eigene Wahrnehmung. Genau diese Kleinigkeiten fanden wir alle am Anfang mal unglaublich charmant und attraktiv, weil sie dem angebeteten Menschen eben das gewisse Etwas verliehen – und verleihen. Wir sehen es nur vielleicht nicht mehr.

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An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es mir in diesem Text wirklich nur um Marotten geht. Um Kleinigkeiten wie Schusseligkeit, Mangel an Organisationsfähigkeit, die Unfähigkeit, sich Termine zu merken oder subtile Signale zu deuten. All diese kleinen Dinge, die gerne in Kombination auftreten und einem an manchen Tagen unfassbar auf den Geist gehen können. Wenn es aber um wirklich grundlegende Prinzipien geht, sieht die Sache anders aus, denn da hört der Spaß auf. Wenn einer Monogamie will, der Partner aber ein Fan offenener Beziehungen ist, werden beide auf lange Sicht unglücklich, weil hier nur faule Kompromisse gemacht werden können. Ihr wisst, was ich meine. Bei Prinzipien ist es wichtig, zu ihnen zu stehen und sie durchzuziehen – aber Prinzipien sind ja auch keine Marotten.

Auch ich habe gelernt, dass mein Gatte nur von außen unglaublich lässig und cool wirkt; tatsächlich bekommt er vieles um sich herum gar nicht erst mit. Was ich für Unnahbarkeit hielt, ist tatsächlich nur Verchecktheit. Aber das macht nichts, denn inzwischen weiß ich das ja. Und finde es sogar irgendwie niedlich, wenn er mich fragt, ob er gerade von einer Frau angebaggert wurde oder ob sie einfach nur freundlich zu ihm sein wollte. Ebenso kann er damit umgehen, wenn ich mitten im Halbsatz das Gesprächsthema wechsle, weil ein Stichwort bei mir eine Gedankenassoziation auslöst, die mich an etwas erinnert hat, das ich jetzt sofort unbedingt noch sagen muss. Wir waren beide bei unterschiedlichen Gelegenheiten so betrunken, dass der jeweils Andere den Einen nur mit Mühe nach Hause bekam – aber wir werfen das einander nicht vor, sondern lachen gemeinsam darüber. Kurz und gut, er akzeptiert meine Macken, ich seine, und keiner ist beleidigt.

Mir ist inzwischen klar geworden, dass es „die perfekte“ Beziehung nicht gibt, weil es sie gar nicht geben kann. Wir alle haben ein Bild im Kopf, wie der „perfekte“ Partner sein sollte, und diesem Bild kann kein normalsterblicher Mensch jemals vollständig entsprechen. Verabschieden wir uns vom „perfekten“ Partner – wir sind es schließlich selbst auch nicht. Müssen wir aber auch gar nicht sein. Ein Hoch auf das berühmte „Fünfe gerade sein lassen“, das sollte man sowieso viel öfter machen.

Mein Appell an euch: Hört auf, den Liebsten erziehen zu wollen. Er mag ein Rohdiamant sein – aber genau so habt ihr euch doch in ihn verliebt. Denkt da beizeiten dran.

Fotos: Ika Fan // Ika Fan bei Facebook

2 Comments

  1. Frank

    26. Februar 2018 at 0:09

    Sehr schöner Artikel. Es gibt übrigens einen Begriff für das was sie und viele Frauen machen, „Betaisieren“, kommt nicht von mir. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Partner den anderen genau so lassen sollte wie er ihn kennen und lieben gelernt hat, dann klappt das auch mit der Spannung, die so notwendig ist.

  2. JudgeDark

    6. Januar 2018 at 18:06

    Schöner Text … kann ich nur unterschreiben.
    Es ist ja legitim den Parnter zu kritisieren oder zu sagen, wenn einem was nicht passt. Aber das macht man nicht vor versammelter Mannschaft sondern unter vier Augen. Ausnahmen mögen sein, wenn einer was wirklich richtiges „Beklopptes“ vor hat (z. B. auf dem 70. Geburtstag der Oma nackt auf den Tisch steigen und „Schwarzer Zigeuner“ singen ;) ), aber das sind eben Ausnahmen.
    Aber auch unter vier Augen darf es nicht zu einem Erziehen werden … das geht auf Dauer nicht gut und so sollte es auch nicht sein.

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