Kiss the girl oder: Denn zum Küssen sind sie da

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Ein Text von Suzette Oh.

Zooooooommmm – unser Augenkontakt an der Bar hatte kaum zehn Sekunden gedauert, schon spürte ich seine Lippen auf meinem Mund. Und eine Millisekunde später stupste seine weiche Zunge an meine. Er schmeckte nach Minze und Rhabarber, seine Hand strich durch mein Haar und zog meinen Kopf noch näher an seinen. Seine Zunge tauchte tiefer und tiefer, so gekonnt wie ich das selten erlebt hatte. Ich spürte intuitiv, dass er kein Ziel verfolgte. Er küsste wirklich um des Küssens willen. Als er sehr sexy an meiner Unterlippe knabberte, ließ ich endlich los. Gab mich hin – diesem unfassbaren Genuss. Sah türkise und lila Luftblasen vor meinem geistigem Auge nach oben schießen, in meinen Ohren rauschte es wie bei einem Orkan. Dieser Moment war besser als jeder Trip. Ich verlor jedes Gefühl für Zeit und Raum. Wir küssten und küssten und küssten. Den ganzen Abend lang. Nur einmal verschwand ich aufs Klo, und er bestellte uns Wein nach, den wir dann aber kaum anrührten. Es wurde die längste Kuss-Arie meines Lebens. Und als ich ihm irgendwann ins Ohr flüsterte, ob wir nicht einfach nach unten ins Separée gehen wollten, legt er seinen Zeigefinger auf meine Lippen, schüttelte leicht den Kopf und raunte nur: „Heute nicht.“ Woohoo!

Als ich in der Nacht nach Hause fuhr, war mein Körper in Aufruhr. Ich war bis zur Besinnungslosigkeit geil, meine Möse nass, mein Gesicht so gerötet, dass der Taxifahrer zweimal in den Rückspiegel schaute. Vermutlich auch, weil mein Lippenstift überall, nur nicht mehr auf meinen Lippen war. Und dabei hatte ich noch nicht mal gevögelt. Nur geküsst – über Stunden. Es blieb einer der besten Abende in meinem Leben. Und plötzlich erinnerte ich mich daran, was ich begonnen hatte, wirklich zu vermissen bei all den unverbindlichen Dates der Vergangenheit: Leidenschaft, Hingabe, im Moment sein. Denn irgendwie scheint Küssen im Zeitalter von Tinder & Co aus der Mode gekommen zu sein.

Küssen1

Mittlerweile wundere ich mich gar nicht mehr darüber, wenn ein Typ gar nicht mehr küsst, sondern die erste Lippenberührung direkt meinen Nippeln oder meiner Möse gilt. Okay, ich hatte selbst kein großes Problem damit. Auch ich habe nicht immer Lust, die Männer, mit denen ich mich vergnüge, abzuknutschen. Klingt paradox, ist aber so. Ein Kuss ist für mich intimer als ein Blowjob. Und viele Männer küssen ohnehin nur, um Frauen ins Bett zu kriegen, aber nicht, weil sie es wirklich geil finden. Und ehe mich irgendein Kerl, den ich danach ohnehin nie wiedersehen werde, wiederwillig knutscht, verzichte ich lieber ganz drauf.

Bis zu jenem Abend.

Noch immer von den Küssen angeheizt, sprang ich damals sofort ins Bett, wo ein Vibrator für die finale Entspannung sorgte, die heftiger und besser war als viele Mal zuvor. So langsam dämmerte es mir: Küssen ist nicht einfach ein Teil des Vorspiels, das es schnell abzuhaken gilt. Im Gegenteil. Leidenschaftliche Küsse können den Sex um ein Vielfaches besser machen. Zumindest für uns Frauen, wie ich durch Nachfragen bei Freundinnen herausfand. Wenn ein Typ gut küsst, ist bei ihnen der Höhepunkt leichter zu erreichen und  umso intensiver. Aha.

Wenige Tage später traf ich einen On-Off-Lover, der mich bislang nicht einmal geküsst hatte, wie mir nach jener sagenhaften Knutsch-Nacht aufgefallen war. Nachdem wir verschwitzt in den Kissen lagen, fragte ich ihn einfach geradeaus, warum er mich nie geküsst hatte. Die traurige Wahrheit: Er möchte es nicht, bei keiner Frau. Selbst seine Ex-Freundinnen wurden nur am Anfang mit – vermutlich ziemlich halbgaren – Küssen beglückt, sobald die Beziehung lief, war es mit der Küsserei auch schon vorbei. Eine Mund-und-Mund-Begegnung käme nur zum Einsatz, wenn eine Frau nicht anders zum Sex zu bewegen sei. Kiss, Kiss – Bang Bang. So schnöde die Wahrheit. An jenem Abend bekam ich einen Kuss von ihm, als er ging. Großes Kino …

Küssen 2

Mich ließ das Thema nicht mehr los. Am nächsten Tag beschloss ich, meinen diversen Dating-Profilen ein kleines Update zu verpassen. Ich wollte künftig Kuss-Liebhaber. Musste aber schnell lernen, dass Typen, die sich auf mein Profil geklickt hatten, beim realen Date doch dann eher an meinen Brüsten als an meinem Mund hingen. Es war wie verhext. Zumal einige sehr heiße Exemplare darunter waren, die ich liebend gerne ausgiebig geknutscht hätte.

Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als an ihre Ehre als Liebhaber zu appellieren. Schließlich möchte heute eigentlich jeder Mann Frauen zu Hochgenuss im Bett verhelfen und sich als Top-Lover fühlen. Also erzählte ich meinen Liebhabern, dass der weibliche Orgasmus um Klassen besser und intensiver sei, wenn sie vorher ausgiebig geküsst würden. Was noch nicht mal geflunkert war. Inzwischen brauche ich diese Ansage nicht mal beenden, und schwupps, schon gehen die Lover in den Kussmodus. Und zwar freiwillig und mit vollem Einsatz. Und mein Körper antwortet mit intensivstem Vibrieren.

Neulich traf ich „Mister 1000 Kisses“ wieder. Er zwinkerte mir lässig zu und hielt eine Blondine mit geröteten Wangen im Arm. Ich lachte, drehte mich um und blickte in ein paar sehr hübsche, braune Augen. Zehn Sekunden später öffnete meine Zunge seine Lippen – sein etwas ungläubig schauender Gesichtsausdruck hielt übrigens nicht lange an. Wir verließen die Bar zwei Stunden später und knutschten so versunken im Taxi weiter, dass dieser fast einen Unfall baute. Ich hoffe nur, wir haben ihn auf eine gute Idee gebracht. Und euch auch!

PS. Am 7. Juli ist übrigens der Internationale Tag des Kusses.

Suzette Oh ist Autorin der Bücher „Secret Dreams – Hotel der Lust“ und „Pussy Diary: Die lustvollen Abenteuer einer Großstadt-Amazone“. Welcome, Girl <3

Fotos: Sarahlikesprettygirls // Sarahlikesprettygirls bei Facebook

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  1. JudgeDark

    25. Juni 2017 at 19:13

    Ein Hoch auf den Kuss … sehr schöner Text!

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