Das Tinder Burnout oder: Die große Datingkrise

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Ein Text von Tori Ford.

Es kann sein, dass ich mit diesem Text ein paar Jahre zu spät bin. Ja, ich bin neu im Tinder Game. Aber auch anderen Trends hinke ich gerne hinterher, nehmen wir zum Beispiel „Game of Thrones“, Netzstrumpfhosen und Badewannen-Selfies. Doch auch wenn ich noch nicht lange im Online Dating-Dschungel unterwegs bin – weil noch nicht so lange Single – schwirren mir dazu dennoch einige Gedanken durch den Kopf.

Online Dating, Tinder im Speziellen, ist verwirrend, machen wir uns nichts vor.

Da gibt es die, die die große Liebe suchen, dann diejenigen, die Sex wollen und nichts anderes. Wieder andere wissen nicht mal, was sie suchen, doch glauben, es vielleicht auf Tinder und Co. zu finden.

Datingplattformen – ein virtueller Spielplatz, der wenige Wünsche offen lässt, wenn man’s halbwegs gewitzt anstellt. Das Netz ist voller mehr oder minder hilfreicher Tipps, wie man sich am besten in Szene setzt. „Ihre Fotos sollten aussagekräftig sein“, ist so ein Tipp. Und so sieht frau auf Tinder immer wieder Männer im Arztkittel oder in Polizeiuniform mit einem Welpen und einer Babykatze auf dem Arm. Weil Frauen darauf stehen. Angeblich. Nicht zu vergessen das obligatorische „Hi, ich kann mir Urlaub an den schönsten Plätzen der Welt leisten“-Foto. Oberkörperfrei im Gym ist auch ein gern genutztes Motiv, denn ein durchtrainierter Body sollte die Chicks doch anziehen wie das Licht die Motten. Laut versierter Tinder Profis kann auch ein Foto in der Küche nicht schaden. Denn welche Frau liebt es nicht, wenn ihr Traummann kochen kann?

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Natürlich kann ich nicht abstreiten, davon genervt zu sein, wenn die einzige Werbung, die der potenzielle Herz- oder Bettbube für sich macht, ein verschwommenes Spiegelselfie ist, auf dem er dann noch Sonnenbrille und Cap trägt. Klar wird dann nach links gewischt. Aber diese unzähligen geleckten Urlaubs- und Gymfotos gehen mir nicht weniger auf den Sack. Ganz zu schweigen von dem Überangebot an menschlichem Dating-Material. In einem guten Restaurant stehen auch nicht 1000 Sachen auf der Speisekarte, sondern nur der richtige fancy Shit. Aber da wir Menschen nun mal divers sind und wegen der Topf-und-Deckel-Geschichte, ist dieser Punkt auf Plattformen wie Tinder nicht zu ändern. Außer für Akademiker und Singles mit Niveau … möglicherweise. Also wird weitergeswiped, bis die Sehnenscheide glüht (Profi-Tipp: Selbstverständlich lässt sich die Suche eingrenzen, indem ihr Mindest- und Maximalalter sowie Suchregion angebt. In einer Stadt wie Berlin kann sich frau dennoch schon mal vom Überangebot an männlichen Singles überfordert fühlen).

Obwohl man munkelt, dass ich nicht zur „Leicht zu beeindrucken“-Fraktion gehöre, fand ich Tinder anfänglich kurz aufregend. „Herzlichen Glückwunsch du hast ein Match!“ Cool! Schreibt er jetzt? Oder, wie es das ungeschriebene Tinder-Gesetz will, derjenige, der zuletzt matcht? „Also, ICH schreibe bestimmt nicht zuerst“, denke ich mir, und der Struggle kann beginnen. Nachdem sich die unkreativen „Hey, wie geht’s“-Buddys“ schon mal selbst rausselektiert haben, treten die klugen Burschen in den Ring. Bei einigen vermute ich nach zwei Nachrichten, dass sie ihre Antworten bei jeder neuen Kandidatin copy-pasten, um auf die obligatorischen Fragen („Und, was suchst du hier so?“, „Woher kommst du?“, „Bist du bei Instagram?“) schnell antworten zu können. Andere schreiben sich mit den scheinbar immer gleichen Floskeln („Du hast so schöne Augen“, „Haben wir uns nicht schon mal im Berghain gesehen?“, „Tolle Fotos!“) die Finger wund. Und bevor es zum Date kommt, vergeht mir meist schon die Lust.

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Nach einiger Zeit auf Tinder, fange ich an, zu hinterfragen: Menschen und ihre Verhaltensweisen, Triebe und Sehnsüchte. Ich stelle fest, dass man sich beim Unterfangen Online Dating schnell verausgaben kann. Von Zeit zu Zeit hat man sich einfach leer getindert und fühlt sich desillusioniert. Denn, machen wir uns nichts vor: Auch die Fließbandficker haben Herz und – viel mehr noch – Ego. Und wenn dann geghostet und ge-ONST wird, bis die Superlikes ausgegangen sind, leidet doch häufiger als man zugeben will beides. Na klar, es kommt auch immer darauf an, wonach man sucht. Immerhin sind schon viele glückliche Online-Dating-Beziehungen, ja, sogar Ehen inklusive Nachwuchs, entstanden. Nicht, dass das mein erklärtes Ziel wäre, denn ich stecke noch in der „(fast) alles kann, nichts muss“-Phase fest. Was weiß denn ich, ob ich in zehn Jahren mit 37 Hunden (ich bin einfach keine Catlady) und drei Kindern (eher unwahrscheinlich) in einer Altbauwohnung in Neukölln sitze oder aber in meinem Strandhaus auf Mauritius mit einer Pina Colada in der Hand und einem heißen Typen im Arm da stehe? Letzteres wäre übrigens meine absolute Präferenz.

Was ich mit diesem Text sagen will: Macht euer Lebensglück nicht von Matches und Männern abhängig. Nutzt Tinder und Konsorten, um eine gute Zeit zu haben. Trefft Leute, datet, knutscht, macht rum, macht Schluss. Verstellt euch nicht. Vielleicht gehört ein Tinder Burn Out ab und an einfach dazu. Doch wenn ihr den überwunden und noch immer Lust auf Online Dating habt, macht da weiter, wo ihr aufgehört habt. (Fast) alles kann, nichts muss.

Model: Paula Rowe
Fotos: Sarahlikesprettygirls

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