Mach den Hate zu deinem Homeboy

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Ein Text von Mimi Erhardt.

Auf ihrem Facebook-Profilfoto hat sie dunkelblonde, kurze Haare, müde Augen und ein Lächeln, das freundlich wirkt. Wie oft wollte ich in den letzten Jahren in dieses Lächeln reinschlagen. Wenigstens auf die Füße der Frau spucken, der das Lächeln gehört. Die mir eine Zeit beschert hat, in der ich morgens nicht mehr aufstehen wollte, weil ich dieses Lächeln nicht ertrug und all den Hate, der sich dahinter versteckte. Wegen der ich alles hinwerfen wollte. Die mir das Gefühl gab, in einer verdammten RTLII-Soap gefangen zu sein, deren Intrigen mir vor Wut und Hilflosigkeit die Tränen in die Augen trieben. Die versuchte, mich davon zu mobben, indem sie mir einredete, ich könne nichts. Und dann doch aufgeben musste, weil ich so viel zäher bin, als Menschen wie sie sich das vorstellen können.

Facebook schlägt mir weitere Leute vor, die ich vielleicht kenne, und wie an jedem zweiten Tag stolpere ich über das Profil von jemandem, in den ich einst unsterblich verliebt war. Er ist immer noch so schön wie damals, als wir uns auf dem Uni-Campus trafen, Wassermelone aßen, er mir das beste Mixtape aller Zeiten schenkte und wir stundenlang über all die Dinge sprachen, die uns bewegten. Ein paar Jahre hielt das mit uns. Kurz bevor es endete, kurz bevor ich aus dem Ruhrpott nach Berlin ging, sagte er einen Satz zu mir, der mich genau ins Rote traf. „Du wirst es in Berlin niemals schaffen, nicht jemand wie du.“ Er war verletzt, als er das sagte, er, der so unbedingt in die große Stadt wollte und nun mitansehen musste, wie ich, die ich Berlin immer Scheiße fand, mich in „seine“ Metropole aufmachte. Trotzdem saßen seine Worte tief, weil ich genau wusste, auf was sie abzielten. Jemand wie ich – schwach, klein, unsicher, jemand, für den Daddy alles regeln muss – in seinen Augen.

„Du wirst es in Berlin niemals schaffen, nicht jemand wie du.“

You're out of your depth, Ms. Lana Banana

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Ich habe weder die Frau mit den müden Augen und dem falschen Lächeln je wiedergesehen, noch den schönen Jungen. Weder ihr noch ihm bin ich heute noch böse für das, was sie wenigstens zeitweise mit ihrem Hate angerichtet haben. Sie mit Jahren des Mobbings, er mit einem im Zorn dahin gerotzten Satz. Manchmal erzählen mir Freunde von früher, was die beiden jetzt treiben, aber es interessiert mich nicht. Sie haben ihr Leben, und ich hoffe, dass es ihnen gut geht, da, wo sie sind.

Würde ich ihnen aber noch einmal begegnen, würde ich ihre Hand schütteln und von Herzen „Danke, Mann, danke für den Hate“ sagen. Weil sie zwei der Gründe sind, warum ich heute cool bin mit mir und meinem Leben. Ja verdammt, ich bin überarbeitet, ich brauche so viel dringender einen Urlaub am Meer, als du es dir in deinen kühnsten Träumen ausmalen kannst. Aber ich bin in der Lage, von meiner Arbeit als freier Autorin und Redakteurin zu leben, verstehst du? Ich lebe noch immer in Berlin und bin froh darüber, weil die Stadt und ich Freunde geworden sind. Durch meinen Job habe ich die schönsten Menschen kennengelernt, darf mit ihnen kreativ sein, im Sommer mit ihnen betrunken am Fluss sitzen und der Blödi sein, der ich bin. Vor allem aber darf ich mit Mimi&Käthe andere Menschen ermutigen, sich selbst zu lieben und sich nicht mehr zu schämen, weder für ihre Sexualität, noch für ihren Körper oder gelegentliche Schlachtfeste der Emotionen. Dafür brenne ich. Lichterloh.

Manchmal dachte ich dennoch daran, aufzugeben, anzuhalten und mich tot zu stellen, weil meine Arbeit ein Knochenjob, weil nie etwas sicher und für immer ist. Vielleicht doch was anderes machen? Es noch einmal mit finanzieller Sicherheit, einem festen Job, Urlaub und der Möglichkeit auf „Krankfeiern“ probieren? Aber dann dachte ich an die Frau mit den müden Augen und an den Satz des schönen Jungen, holte Luft und rannte noch etwas schneller als zuvor. Jetzt bloß nicht anhalten. Ich zeig’s euch.

I have huge hands👐🏾

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„Ein gutes Leben ist die beste Rache“ heißt ein Buch des Kölner Schriftstellers Selim Özdogan. Und irgendwie ist das ein ziemlich weiser und passender Titel. Ich wollte zuerst schreiben, dass es mir nie um Rache ging, aber das wäre gelogen. Natürlich wollte ich mich an den beiden rächen, anfangs wenigstens. Wenn ich an die Traurige-Augen-Frau denke, kann ich das immer noch nicht ganz von mir weisen. Ich weiß, wie es in ihrer Schläfe zuckt, wenn ein Plan nicht funktioniert. Ihr Plan, mich klein zu halten, ist ihr ordentlich um die Ohren geflogen, und das weiß sie ganz genau. Daran zu denken, fühlt sich manchmal noch ziemlich sexy an. Meistens sind sie und ihr Hate, ist mir die ganze Scheiße von früher aber egal.

Inzwischen geht es mir nicht mehr um Rache, sondern darum, den Schuh abzuschütteln, den andere mir anziehen wollten. Mir liegt nichts daran, diesen Menschen aus meiner Vergangenheit zu beweisen, was für eine starke und unabhängige Frau ich heute bin. Aber mir selbst musste ich es beweisen, weil mich ihre Haltung lange Zeit runterzog, weil ich mich ihretwegen fragte: Bin ich wirklich so eine Niete, so austauschbar? Bin ich tatsächlich jemand, der es nicht auf eigene Faust schafft? Der in der großen Stadt untergeht und sich verliert?

Heute weiß ich: Weder noch. Ich weiß, dass ich schneller rennen kann als andere und nicht aufgebe, wenn mir etwas so viel bedeutet wie meine Arbeit. Wie meine Familie, Freunde, Berlin. Oder ich selbst. Dass ich nicht anhalte, nur weil mir Leute, die mich nicht mögen, ein paar Steine in den Weg legen.

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Text beende, ohne, dass das Finale klingt wie ein zu lang geratener Kalenderspruch oder eine Weisheit aus einem Motivations-Guide. Leider habe ich nichts Schlaueres gefunden als das hier: Gebt nichts auf den Hate anderer, auch, wenn es anfangs brennt und zieht. Gesteht euch selbst eine Zeit des Sich-beschissen-Fühlens zu, aber dann fegt es von euren Schultern und scheißt drauf. Nicht ihr seid die Verlierer, sondern die Hater. Lasst euch nicht dauerhaft runterziehen von Sätzen, die im Streit gesagt wurden und schon gar nicht von Menschen, die euch aus Kalkül verletzen. Nutzt diese Negativität für eure Zwecke, macht sie zu eurem Antrieb, lasst euch davon motivieren. Ihr seid so viel besser als das.

Macht den Hate zu eurem Homeboy.

4 Comments

  1. Jane Doe

    27. April 2017 at 14:54

    Wenn man erst mal durchschaut hat, dass der Hate der anderen nur durch deren eigene Unsicherheiten und Unzufriedenheit entsteht, und das sie versuchen sich größer zu fühlen in dem sie andere klein machen, dann kann man eigentlich nur Mitgefühl und Bedauern für ihre missliche Lage entwickeln.
    In diesem Sinne, stay empathisch! And don’t hate the haters! <3

  2. Steffi

    21. April 2017 at 21:56

    Dieser Satz ‚Nicht so jemand wie du.‘ den – muss ich zugeben – habe ich so auch schon mal zu meinen Herzensmenschen gesagt, nur ganz anders gemeint.
    Menschen mit einem großen Herzen, jene die sich wirklich um Freundschaft bemühen und an das Gute und Beständige glauben, haben es in Berlin oft schwer. Ich hab schon so manches Goldkind dort untergehen sehen. Weil sie nicht mithalten konnten, weil das Schnelllebige & Austauschbare über ihnen hereingebrochen ist und sie mit sich gerissen hat. Manchmal so hart, dass die Selbstzweifel größer waren als der Mut es weiter zu versuchen.
    Berlin kann wundervoll und aufregend sein, aber auch ungerecht und gnadenlos. Man muss Schritt halten können und das Glück haben, auf die richtigen Menschen zu treffen. Man braucht eine Stimme die gehört werden will. Wer zu leise ist, wird im Trubel oft übersehen.
    Ich sage gern, dass Berlin nur etwas für Auf- oder für Absteiger ist. Die Mitte verliert leider zu oft. Ein Hoch auf all jene wie du, die dort bleiben und bestehen, die ein Anker sein können, für die Leisen, die nur bemerkt werden müssen.
    Behalte dir dein grandioses Herz (<- hier ein Bauchgefühlvertrauensvorschuss durchs Lesen all deiner Texte) und steh für ein Berlin, in dem Menschen wie du alles ein bisschen schöner, bunter, weicher und menschlicher machen :)

    Uff, das war nun ordentlich theatralisch. Pardon. Das liegt wohl daran, dass dein Text ganz schön berührt hat. Sowohl als auch.
    Als Kind hatte ich den Spitznamen 'das Monster von Berlin', viele viele Jahre wurde ich nur meines Aussehens wegen beschimpft und gemieden.
    Eine erwachsene Frau sagte mal zu meinem 5jährigen Ich: 'Bah, sowas wie dich hätte man früher erschossen!'
    Wirklich verstanden habe ich diesen Satz erst ein paar Jahre später. Doch damals wie heute wusste ich irgendwie – woher auch immer das kam -, dass all diese Menschen nicht mich meinen, also den Menschen unter dieser hässlichen Haut, sondern nur meine Oberfläche – die ich mir nie selbst ausgesucht habe. Meine Aussehen konnte ich mir nicht aussuchen, wer ich bin und wie ich sein will schon.
    Ich weiß, dass diese Menschen schwach sind und innerlich sehr einsam, dass sie sich selbst viel weniger mögen als sie mich jemals hassen könnten.
    Wenn ich heute über diese Zeit nachdenke, sieht man mir äusserlich nichts mehr davon an. Die Haut hat sich erholt, das Monster gibt es nicht mehr. Aber es gibt jemanden, der gewachsen ist. Über sich hinaus und in sich hinein.
    Jemanden, der weiß, dass Äusserlichkeiten nur wenig bedeuten. Ein schönes Gesicht kann man sich hinschminken, ein aufrichtiges Herz und einen guten Charakter nicht.
    Ich weiß, dass es viel schwerer ist, an seinem Innen zu arbeiten als am Aussen. Dass es viel mehr Mut, Tränen und Kraft kostet, sich zu reflektieren und etwas zu ändern, als sich über andere zu erheben, die es in irgendeiner Weise schlechter getroffen haben, nur um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen.
    Heute halte ich mich an all die Menschen, die wirklich wissen wollen, wer ich bin, in mir drin, auch wenn da keine schlimme Haut mehr ist die ablenkt oder abschreckt. Die Menschen, die ganz bewusst drunter gucken und erst dann entscheiden, ob sie das mögen können was sie da sehen oder eben nicht.
    Es ist sooooo gut zu wissen, dass man zwar aussieht wie man aussieht, aber dass man an sich selbst immer arbeiten kann! Dass man besser werden und jederzeit wachsen kann, wenn man nur will. Niemand muss scheisse sein. Zu sich selbst nicht und zu anderen auch nicht.

    Hier ist ein 'Ich bin eben so!' das Traurigste, was mir ein Mensch sagen kann. Man kann immer etwas tun, auch wenn das viele Jahre dauert und man immer wieder hinfällt. Es ist solange Zeit dafür, wie wir atmen können. Und es gibt sie, die Menschen, die zu echten Herzensangelegenheiten werden und die zu schätzen wissen, dass man da ist und versucht ein ganz passabler Mensch zu sein :)

    • JudgeDark

      22. April 2017 at 12:24

      Oh man … danke für diesen starken Kommentar.

      Ist schon bitter zu lesen, was erwachsene Leut zu Kindern sagen ohne zu wissen, was sie damit anrichten können.

  3. JudgeDark

    21. April 2017 at 16:46

    Danke für diesen trefflich formulierten Text.:)

    Es hat denke ich viel mit Selbstbewusstsein zu tun, wenn man die Hater zu Homeboys machen kann; ohne Selbstbewusstsein wird das nicht funktionieren befürchte ich. Doch kann man denke ich diese Kritik, dieses Haten, für sich nutzen, daran wachsen und Selbstbewusstsein entwickeln. Auch kann es einem helfen sich selbst zu hinterfragen; warum nicht die Kritik aufnehmen, sich selber beleuchten. Auch damit kann ich nur wachsen, denn entweder bin ich von dem überzeugt was ich tue oder ich merke, dass es da vielleicht wirklich was gibt, das ich verbessern oder anders machen kann. Ein Stück weit ist dieses Haten auch Antrieb und Motivation, man will es den anderen Beweisen und pusht sich selbst (jetzt erst recht) … und siehe da, man erreicht sein Ziel.

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