Camgirls sind Menschen, kein Fleisch! Ein Leserbrief

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Manchmal schreibt ihr uns Briefe mit viel Liebe auf virtuellem Briefpapier. Das erfreut das Mimi- und das Kätheherz sehr, weil wir so gern Post bekommen. Vor einigen Tagen erreichte uns dann eine Rohrpost. Die Absenderin war ein wunderhübsches Camgirl, das wir bis dato noch nicht persönlich kannten, das aber die Sätze so fein formulierte, dass wir uns auf der Stelle verliebten. In dem Rohrpost-Brief erzählte das Camgirl – nennen wir es Sarah – davon, dass die Wünsche seiner Kunden immer spezieller würden. Dass sie sich oft frage, warum die Männer, mit denen sie chatte, so abgestumpft seien und die Fetische immer extremer und skurriler würden. Wir wollen euch Sarahs Mail nicht vorenthalten, da sie einen spannenden Einblick in den Alltag unserer Camgirls erlaubt und die Sex-Chat-Erfahrenen unter euch im besten Fall zum Nachdenken anregt. Macht mal halblang, Jungs, und vergesst nicht, dass ihr mit einem Menschen zu tun habt, nicht mit 50 Kilogramm formbarem Hackfleisch. Wir sind stolz auf unsere Cam-Mädchen, lasst euch nicht alles gefallen. Unseren Support habt ihr <3

Von Sarah

Liebe Mimi&Käthe.

Als ich vor einiger Zeit den Post „Fetisch Quartett“ von Hans Pørnflake auf eurem Blog las, fielen mir einige Sachen ein, die ich selbst in Sachen Fetisch als Camgirl erlebt habe – und die für mich nicht nachvollziehbar sind. Manche davon waren amüsant, manche verstörend.

Anfang 2009 hatte ich zum Beispiel einen Gast, der es toll fand, wenn ich vor der Cam meinen Kopf lange in eine Schüssel mit Wasser tauchte und anschließend einen schön nassen Kopf hatte. Flossen und Taucherbrille fand er auch scharf, aber das konnte ich dann doch nicht anbieten. O.o

Leider hatte ich auch Gäste, die wirklich kein Camgirl haben will. Die sagten Dinge wie: „Oh, du stehst auf Piercings und Tattoos… magst du dir jetzt hier noch welche stechen?“ Am Anfang wusste ich nicht mit diesen Leuten umzugehen. Ich dachte: „Hm, okay, dann nehme ich einfach das Piercing raus und mache es immer wieder rein und raus. Dann freut sich der Gast über die Lochoptik und gut.“ Leider klappte das nicht, weil das Blut fehlte…

Bei Dominaspielen gibt es Gäste, die besonders darauf stehen, dass man ihnen am Dildo zeigt, was man mit ihnen machen würde. Leider haben auch Männer Webcams und wollen dem Camgirl dann während so genannter Cam to Cam Sessions stolz ihren genadelten Sack zeigen, weil sie das alles direkt an sich ausprobieren. Nicht mein Ding!

Ganz schön was los hier - Camgirl Arbeitsutensilien. Foto: Sarah

Ganz schön was los hier – Camgirl Arbeitsutensilien. Foto: Sarah

Auf Dominaspiele steht auch einer meiner Gäste, den Atemreduktion erregt. Er will, dass ich ihm befehle, sich den Mund mit Tape zuzukleben und dann eine Plastiktüte überzuziehen. Ich sage ihm, bis zu welcher Zahl er zählen soll, bis er sie wieder abnehmen darf. Über 15 habe ich mich nicht hinaus gewagt, denn vor der Cam ist so etwas schon gruselig und sollte nicht schiefgehen. Ich will ja nicht schuld sein, falls… oje! ;)

Vor rund drei Jahren fragte mich ein Gast nach Fotos meiner Zähne, und auch vor der Webcam sollte ich ihm meine Beißer zeigen. Das ist auch ein Thema, das ich überhaupt nicht verstehe. Gibt es so einen Dentalfetisch?

Ein sehr putziger Tick kommt bei einem anderen meiner Gäste vor. Er ist devot und höflich, hat aber konkrete Vorstellungen. Ich bin seine Camgirl Hexe in sexy Lack oder Leder und verzaubere ihn Stück für Stück an der Stelle, an der ich ihn berühre. Wenn er zum Höhepunkt kommt, wird er zu einem abgesprochenen Gegenstand, einem Tier, ganz egal, ob Schwein, Esel, Rentier oder Osterhase, und manchmal auch zu einem riesigen Penis.  Manchmal frage ich mich, ob er in der Kindheit eine Art Märchenbuch-Trauma erlitten hat.

Über den Geisteszustand eines anderen Gastes war ich mir auch nicht ganz sicher. Der bohrte darauf rum, ob ich eventuell an dem Tag schon getrunken hätte. Als er merkte, dass ich nicht besoffen war und das auch nicht für ihn vor der Cam nachholen würde, war er zum Glück schnell weg.

Camgirl Arbeitsalltag

Auf der anderen Seite der Cam. Foto: Sarah

Mein harmlosester Fetisch sind die Damenwäscheträger. Davon gibt es sehr viele, junge, ältere, schlanke und dicke, und ich mag sie nicht nur, weil sie mit haarigem Bauch und krummen Pelzbeinen in Strapsen und Pumps genauso stolz posieren wie ein Model, sondern weil das niemandem wehtut und es einfach nur um Kleidung geht, die man auch weg lassen kann.

Manchmal würde ich mir wünschen, dass jemand eine Antwort für mich hätte, warum solche Praktiken für viele mit zum Sex gehören. Welches Erlebnis in der Kindheit der Auslöser für die verschiedenen Fetische war. Oder ob einige dieser Männer schon reif für den Doktor sind. In der Schule hatte ich zwar ein paar Jahre Psychologie, aber ich kann mir vieles trotzdem nicht erklären.

Es hat sich über die Jahre vieles verändert. Im Jahr 2008, als ich als Camgirl angefangen habe, war alles noch ganz prima. Heute würde man sagen, das damals war Blümchensex vor der Cam. Heute sieht das schon anders aus. Alles, was mal Hardcore war, ist jetzt normal. Früher gab es ein wenig Blowjob oder Fingern, Natursekt oder Anal hat kaum jemand verlangt, und die Meisten hatten Verständnis dafür, wenn das Camgirl mal etwas nicht mochte. Heute muss es Deep Throat sein, am besten, bis das Frühstück wieder da ist, oder literweise Spucke von Kopf bis Fuß, dazu tägliches Fisting, Pipispielchen und Anal so, dass Objekte wie Flaschen oder Stuhlbeine versenkt werden.

Andere Mädels treffen ihre Gäste zusätzlich auch noch und drehen dann ihre Amateur Gruppenfilme. Viele Mädchen müssen dabei die gerade noch ertragbarsten Extreme über sich ergehen lassen und daraus was basteln, denn der Kunde verlangt es. Alles andere verkauft sich nicht oder nur schlecht.

Bei diesem „Höher, schneller, weiter“ geht die eigentliche Erotik meiner Meinung nach den Bach runter und verloren, weil die Zuschauer inzwischen so abgestumpft sind. Für ein bisschen Strip und Dildo kommt kaum noch jemand. Oft kommt es mir so vor, als ob die Männer vergessen, dass die Mädchen auf der anderen Seite der Cam echte Menschen sind, genau wie sie.

Eure Sarah

4 Comments

  1. JudgeDark

    8. Dezember 2014 at 22:35

    Interessante Frage, die da in den Raum geworfen wird. Und viel interessanter ist, dass diese Frage von einer „Betroffenen“ kommt … das macht es noch intensiver irgendwie. Jedenfalls vielen Dank für diesen persönlichen Einblick!

    Es ist schon erschreckend, wie schnell diese „Spirale der Perversitäten“ sich dreht und sie wird immer schneller. Scheint ein Phänomen unserer Gesellschaft zu sein, immer schneller, weiter, abartiger!

    • Mimi

      Mimi

      9. Dezember 2014 at 15:11

      du hast recht. leider. aber vielleicht machen intime einblicke wie dieser ja den ein oder anderen nachdenklich. würden wir uns sehr wünschen!

  2. Sexy Klara

    2. Dezember 2014 at 12:19

    Danke Mimi, danke Käthe, das ihr das veröffentlicht habt..
    Danke Danke Danke Sarah, das du es so wunderbar geschrieben hast. Du sprichsst mir aus der Seele. Ich hätte an einigen Stellen sicher noch drastischere Worte gefunden, aber du schaffst es einen runden Blick auf die Dinge zu liefern. Ich hoffe das es den ein oder anderen ein wenig wach rütteln möge.

    Klara

    • Mimi

      Mimi

      2. Dezember 2014 at 15:33

      danke für deinen kommentar <3

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