Hipness statt Gefühl – lost in Berlin

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Ein Text von Penny Calvet.

In Berlin leben 3,5 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Junge Menschen belagern Mitte und die daran angrenzenden Szenebezirke, zusammen mit ihren großen Träumen im Gepäck, die sie in die Hauptstadt der ewig Suchenden gebracht haben. Sie wollen das Leben in Berlin genießen und sich fallen lassen, an spannenden Projekten arbeiten, gleichzeitig tagelang durchfeiern, ihre Grenzen erkunden und sich dabei ein wenig selbst verlieren. Montags wieder funktionieren, heißt das Mantra, dem sie sich dabei verschrieben haben.

Auch ich zähle zur jungen, hippen Bildungselite von Berlin, die für ein grandioses Wochenende in einem Club den Kater am Montag gerne in Kauf nimmt. Donnerstags renne ich pflichtbewusst in den nahen Bio-Supermarkt, um mit frischen Zitronen und Ingwer die größten Kopfschmerzen zu verhindern und ernähre mich in der Woche hauptsächliche von Biogemüse und Superfoods, Zutaten, die meine Exzesse am Wochenende kompensieren sollen.

Aber warum das Ganze? Warum Berlin, warum ausgerechnet diese Stadt, warum dieses Leben zwischen zwei Extremen? Auf der Arbeit alles geben und nachts eine völlig gegensätzliche, verantwortungslose Seite ausleben.

Wegen der Musik, sagen die einen und haben damit sicherlich manchmal Recht – das ein oder andere Set hat mich definitiv abgeholt und für eine kurze Weile die Welt vergessen lassen. Für andere ist es der scheinbar unendliche Spaß in Form von bunten Pillen, der Trip ihres Lebens, dem sie hinterher jagen und, einmal gefunden, für immer hinterher trauern. Und ich? Warum habe ich mir Berlin ausgesucht?

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Weil auch ich auf der Suche bin. Auf der Suche nach Begegnungen, die ans Herz gehen.

Von außen betrachtet, macht das wenig Sinn. Ich bin auf der Arbeit und in der Uni von Menschen umgeben, die ich gerne mag, mein Sozialleben scheint auf den ersten Blick intakt zu sein. Das Problem ist aber, dass ich zwar viele Menschen kenne und dennoch oft einsam bin.

Diese wunderbare Stadt ist voller Menschen, aber irgendwie lebt jeder für sich, erzählt nur das, was ihn noch hipper macht, als er ohnehin schon ist. Gefühle und Erlebnisse werden erst einmal durch einen Filter gejagt, bevor man sich traut, sie laut auszusprechen.

Wir leben in einer Scheinwelt, die so viele Möglichkeiten parat hält, dass uns das „Dahinter“ hinter den Storys gar nicht interessiert, „bis später“ sagen, aber „auf Nimmerwiedersehen“ meinen, denn hinter der nächsten Ecke könnte eine noch krassere Geschichte warten, die erlebt und erzählt werden will.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist ein Raum, in dem man aussprechen darf, wenn es einem nicht gut geht. In dem Ängste nicht erst verallgemeinert werden müssen, ehe sie uns über die Lippen gehen. Mir fallen sofort Dutzende Menschen in meiner Stadt, in Berlin, ein, die ich anrufen kann, wenn mir schon donnerstags nach einer wilden Nacht ist. Aber wenn ich einen Abend auf dem Sofa verbringen möchte, mit tiefgehenden Gesprächen und einer guten Flasche Wein, dann sieht die Sache anders aus.

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Ich habe das Gefühl, dass die wenigsten Freundschaften hier in meiner kleinen Welt in Berlin darauf ausgelegt sind, auch Wut, Trauer und Angst auszuhalten. Der Funfaktor überwiegt stets, und wir haben uns damit abgefunden, nur an der emotionalen Oberfläche des Menschen zu kratzen, mit dem wir unsere Zeit verbringen. Gemeinsam und doch einsam hängen wir zusammen ab und warten doch nur darauf, jemanden zu finden, den man mit all den angestauten Gefühlen zukotzen kann, der die Einsamkeit heilt und es aushält, wenn die Welt mal kein rosa-funkelnder Ponyhof ist.

Fotos: Lunas Alternative Art // Lunas Alternative Art bei Facebook

3 Comments

  1. Pingback: Do they know it‘s Christmas oder: Scheiß Pärchenwahn - Mimi&Käthe

  2. JudgeDark

    19. November 2016 at 11:16

    Kann das bestätigen, das ist nicht nur in Berlin so, wobei es da sicher aufgrund des großen Angebotes sehr präsent ist.
    Blicke ich auf meine „wilde Zeit“ zurück, dann war es am Wochenende eine Mischung aus Party und ruhigen Abenden zu Hause, wobei die schon seltener waren.
    Inzwischen hat sich das extrem verschoben, was sicher auch damit zu tun hat, dass man durch Arbeit usw. froh ist, wenn man auch mal zur Ruhe kommt (so geht es mir). Ist aber auch ne Frage der Persönlichkeit, es gibt Menschen, die wollen diese Ruhe nicht. Es ist ja nunmal auch so, dass mit zunehmenden Alter oftmals der wirkliche Freundeskreis schrumpft, man dafür aber eben wenige wirklich gute Freunde hat. Ich spreche jetzt nicht von Bekannten, sondern von wirklichen Freunden.
    Das man sich in einer schnelllebigen Zeit in einer Stadt wie Berlin durchaus auch einsam fühlen kann, kann ich mir schon gut vorstellen …!

  3. Rheintochter Esme

    18. November 2016 at 20:43

    Es mag nicht wirklich trösten, wenn ich anmerke, dass dieses Phänomen nicht nur in Berlin zu beobachten ist. Allerdings bist Du mit diesen Fragen und Wünschen wirklich und wahrhaftig nicht allein. Ich hab‘ das im Ausland genauso erlebt wie hier am Rhein, besonders nun, da ich nicht mehr „das Küken“ bin, sondern in die Riege der „grumpy old hags“ aufgestiegen bin (wo ich mich pudelwohl fühle). Manchmal frage ich mich, ob es nicht eher mit dem eigenen Alter und den damit einhergehenden Verschiebungen von Wünschen und „Wichtigem“ einhergeht. Eine Antwort habe ich leider nicht.
    Dennoch, janz viel Liebe vom Rhein! <3

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