Jugendliche brauchen Aufklärung oder: Macht abspritzen schwanger?

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Ein Text von Artie Shaww.

Ich war letztens mal wieder im Kino. Jeder, der mich kennt, weiß, dass Kino echt nicht meins ist, da ich es hasse, wenn um mich herum ein Klangteppich aus Rascheln, Knistern, Flüstern und Husten ausgerollt wird. Um jedoch nicht allzu sehr zur Sozialphobikerin zu mutieren, stellte ich mich der Herausforderung und sah mir „Lommbock“ an. Nostalgie und so.

Ein Begriff blieb mir im Gedächtnis, beschäftigte mich nachhaltig: Generation Youporn. Dauerkiffer Kai (Moritz Bleibtreu) erklärt Stefan (Lucas Gregorowicz), dass manche jungen Mädchen aufgrund ihres Pornokonsums regelrecht verschreckt reagierten, wenn man ihnen beim Sex nicht ins Gesicht spritzte. Wenig später vögelt Stefan mit seiner Ex auf der Couch. Kurz vor seinem Höhepunkt zieht er seinen Schwanz aus ihr und spritzt ihr unvermittelt ins Gesicht.

Was mich nachdenklich werden ließ, war das Folgende: In dem Kinofilm wird durch das Stilmittel der Übertreibung mit der Unwissenheit hinsichtlich gewisser Sexpraktiken gespielt. Der erwachsene Mann wird als linkisch und dennoch stets bemüht dargestellt, als jemand, der dann an der Ausführung letztendlich scheitert. Nun aber: Wie soll es Jugendlichen gehen, die gerade an der Schwelle ihres Frühlingserwachens stehen?

Während man als Erwachsener mehr oder weniger über ein Grundrepertoire an Sexpraktiken verfügt und dieses mehr oder weniger erfolgreich angewandt hat oder anwendet, wissen viele Jugendliche gerade mal, wie der Penis funktioniert und wo er eventuell reingehört und dass die Muschi aus mehr als einem Loch besteht.

Flugs rief ich meine Lieblingssozialpädagoginnenfreundin Melina an und wollte wissen, ob Jugendliche heute überhaupt aufgeklärt seien. Zugebenen – die Informationen, die Melina mir lieferte, sind nur Auszüge aus Gesprächen, entbehren daher einer wissenschaftlichen Grundlage. Aber herauskam, dass viele Jugendliche zum Teil überhaupt keine Ahnung haben von dem, was sie da tun oder tun möchten. Auch das Internet ist voll von verzweifelten Fragen junger Menschen zum Thema Sexualität.

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Ein großes Thema, das die Jugendlichen bewegt, so Melina, ist Verhütung. Wie verhüte ich, wie werde ich, wie wird meine Freundin nicht schwanger? Reicht es, wenn ich ihn vorher rausziehe? Was machen wir, wenn wir doch befürchten müssen, schwanger zu sein? Auch die Annahme, dass Verhütung anscheinend Frauensache ist und viele Jungs davon ausgehen, dass Mädchen durch die Einnahme der Pille alles im Griff haben, scheint Melina fest verortet. Echte Aufklärung? Fehlanzeige.

Ich höre ihr zu und denke: Jugendliche müssen aufgeklärt werden, Jugendliche brauchen jemanden, der ihnen zuhört, der sich ihnen zuwendet. Wie sehr habe ich mich nach einer Vertrauensperson gesehnt, nachdem ich mein erstes Mal hatte und in einem Meer voll Blut schwamm. Ich wollte wissen, ob es normal ist, beim Sex die Socken anzubehalten. Ob ich ein schlechter Mensch sei, weil ich mich ständig in jemand Neuen verliebte. An wen hätte ich mich wenden sollen? An meine Eltern?  NIEMALS!

Worauf ich hinaus will, ist keine Lehrstunde in Verhütung und/ oder Schwangerschaftsabbrüchen (oder soll ich einen Artikel darüber schreiben?), sondern ein Aufruf zu einer allumfassenden Aufklärung.

Ich bin fassungslos, wie unaufgeklärt Jugendliche im Zeitalter von Youporn und unserer vermeintlich so offenen, modernen Welt immer noch durch die Betten hopsen. Wie schambehaftet muss eine Gesellschaft sein, in der man zwar Sex hat, aber Jugendliche immer noch allein irgendwohin wackeln oder schlimmer noch: googlen müssen, um sich Rat und Hilfe zu holen. Sicherlich – und darüber können wir alle froh sein – gibt es in den nächstgrößeren Städten gute Angebote seitens gemeinnütziger Verbände. Dennoch erscheint es mir sehr viel sinnvoller, die Jugendlichen gleich in der Schule aufzuklären. Aber wie soll das vonstatten gehen?

Die Schule als Ort des gemeinsamen Lernens und Lebens, denn nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernt man. Und mal ganz ehrlich: Wie vielen von euch hat die richtige Winkelberechnung beim Einführen eines Penis in eure Muschi etwas gebracht? Da wäre doch ein Fach sinniger, in dem gesagt wird, dass beim Sex Schmiere alles und Trockenheit nichts ist. Aufklärung als Unterrichtsfach, warum denn nicht?

Klar könnte man jetzt in sämtlichen Schulen Exemplare des großartigen Buchs „Mimi&Käthe: Erlebnispornographie“ auslegen, aber es bringt ja nix, wenn das Buch nicht auch gelesen und besprochen wird. Und wie viele Lehrer*innen sind leider nur allzu verklemmt, gehemmt? Ich plädiere daher für das Unterrichtsfach „Erziehung zur Sexualität“.

Dann ist doch alles ganz einfach. Jungs und Mädels lernen den richtigen Gebrauch von Kondomen, wissen, wie sie blasen oder lecken müssen, erfahren, wo und wie sie sich die Pille danach organisieren können. Diskutieren über das Wort „Nein“ und darüber, dass auch Jungs manchmal schlechte Tage haben. Und zwar durch die ganze Sekundarstufe.

„Ja. Schön wäre es, Artie“, ruft mir Melina zu. So einfach ginge es allerdings nicht.

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Ich weiß ja: Die Schule ist ein Allgemeinplatz unterschiedlichster Interessen, und da geht es nun einmal vorrangig um Allgemeinbildung und nicht darum, wo der Kitzler sitzt und was übermäßiges Porno-Gucken im jugendlichen Gehirn bewirkt. Außerdem stelle ich mir die schockierten Eltern vor, die sich eher an das schmiedeeiserne Tor des humanistischen Gymnasiums ketten lassen, als ihrem Sohnemann zu verraten, an wen er sich wenden muss, wenn er Erektionsprobleme hat. Ich denke an die Eltern, die aus welchen Gründen auch immer, den Zeitpunkt für eine rechtzeitige Aufklärung ihrer Kinder verstreichen lassen.

Aus all diesen Gründen rufe ich hier allen lesenden Miezen und Dandys, allen Moms und Dads, großen Geschwistern und sonstigen erwachsenen Vertrauenspersonen zu: Klärt auf, wendet euch nicht ab, wenn sich ein junges Mädchen euch offenbart, ein junger Kerl zu euch Vertrauen hat und Fragen stellt, die euch die Schamesröte ins Gesicht treiben. Erklärt ruhig, auch wenn ihr ein einziger #facepalm seid, bleibt besonnen, fragt nach, zeigt Interesse.

Es ist sicherlich schwierig, ernst nachzufragen, was denn „ein bisschen abspritzen“ bedeutet. Aber glaubt mir, für den Jungen, der sich mit seinen Fragen an euch wendet, ist es tausendmal peinlicher. Oder die Ruhe zu bewahren, wenn die Frage auftaucht, ob es normal sei, „so feucht da unten zu sein“. Aber ihr habt in dieser Situation die Gelegenheit, Jugendlichen zu zeigen, dass es keine dämlichen Fragen gibt. Wenn ihr selbst schon Eltern seid, setzt euch für eine umfassenden Sexualerziehung in der Schule ein. Sex ist letztendlich das Normalste auf der Welt, und so sollten wir es auch handhaben: Nicht verschämt in die Schmuddelecke abschieben, sondern Fragen und Ängste sachlich, aber mit Herz besprechen.

Denn es ist wichtig zu wissen, dass man ohne Vorankündigung nirgendwohin spritzen sollte, weil das echt unhöflich ist. Und doof. Deshalb: Reden hilft. Und Aufklärung. Echt jetze.

Fotos: Sarahlikesprettygirls // Sarahlikesprettygirls bei Facebook

5 Comments

  1. JudgeDark

    4. Mai 2017 at 15:21

    Ich denke eine vernünftige Aufklärung über die „biologischen Fakten“ hinaus wäre schon nicht verkehrt, gerade weil man überall alles sehen kann, das I-Net macht es möglich. Doch ist die Schule da der richtige Ort? Interessante Frage, die ich nicht beantworten kann und deren Beantwortung sicher sehr facettenreich erfolgen kann.
    Es geht sicher nicht nur um das Verhüten, sei es vor Kindern oder Krankheiten, auch wenn das ganz wichtige Faktoren sind. Als Unterrichtsfach sehe ich das schwierig … zumindest mit dem vorhandenen Lehrermaterial. Hier muss man sich schon Hilfe von Fachleuten holen, doch wie schon erwähnt fehlt dafür leider das Geld. Zudem muss das sicher in gewissen geregelten Bahnen laufen, so wie alles in Deutschland … und da wäre ich echt gespannt was da so im Lehrplan auftaucht, wenn diese von den üblichen Verdächtigen erstellt werden.

  2. Thorsten

    30. April 2017 at 21:31

    Komisch, zu meiner Schulzeit ( Baujahr 71 ) haben sich die diversen Pro Familia- Berater und andere die Klinke in die Hand gegeben um uns aufzuklären, Zumindest was Verhütung und AIDS-Prävention betrifft.
    So ab der sechsten Klasse war min. einmal im Jahr jemand da.
    Wurde das eingestellt?

    • Mimi

      Mimi

      1. Mai 2017 at 13:38

      Keine Ahnung, ich leite deine Frage mal an Artie, die Autorin weiter, sie hat dazu recherchiert. Zu meiner Schulzeit aber (Baujahr 78) war es wenigstens bei uns in NRW Usus, im Rahmen des Biologie-Unterrichts ein paar Stunden Sexualkunde dazwischen zu schieben, in denen biologische und technische Basics geklärt wurden. Das war‘s dann auch. Eine Möglichkeit, darüber hinaus gehende Fragen zu behandeln, gab es bei uns nicht.

    • Artie

      1. Mai 2017 at 16:01

      Lieber Thorsten,

      sicherlich gibt es noch den Sexualkundeunterricht. Allerdings wird das in der sechsten/siebten Klasse thematisiert und damit hat sich dann die Geschichte.
      Es mangelt an Geld, um außerschulische Anbieter zu bezahlen. Die Schüler*innen müssen sich dahingehend auf Gleichaltrige/das Internet verlassen; wenige Schulen habe ausgebildete Sexualpädagog*innen.
      Was die Jugendliche da im Bio-Unterricht lernen, hat mit youporn und dessen Auswirkungen auf das jugendliche Gehirn nicht wirklich viel zu tun.
      Oder erinnerst Du Dich, dass Du in der 6. Klasse schon Fragen bzgl. der Dicke und Länge Deine Penis‘ hattest?
      Es ist und bleibt ein weites Feld

      Greets

      • Rheintochter Esme

        7. Mai 2017 at 20:26

        So wie bei Mimi lief’s auch bei mir. Ich erinnere mich gut an ein paar Stunden „Sexualkunde“, die irgendwann in der 7. oder 8. Klasse mal auf dem Lehrplan standen. Ein Haufen pubertierender, kichernder und verschämter Schüler hörte einem nicht minder verschämten, krampfhaft auf locker machenden Biolehrer halbwegs zu und verbarg die Scham nach der Stunde hinter Witzen über die biologisch korrekten Bezeichnungen der primären und sekundären Geschlechtsteile und deren Funktion. Aufklärung war das nich‘ wirklich….
        Aber auch die Aufklärung an sich ist total schwierig: ich musste mal einer muslimischen Apothekerin, der ich half, sich auf ihre deutsche Zulassung vorzubereiten, erklären, was “ aufpassen“ ist und warum es eine sehr schlechte Verhütunsmethode ist. Sie wandte sich an mich, weil sie ihren männlichen Deutschlehrer sowas nicht fragen mochte. Ich hab’s ihr erklärt, aber ich gestehe, dass ich auch erstmal rumdruckste und tief Luft holen musste, bevor ich das einigermassen seriös und verständlich bewerkstelligen konnte. Das hat mir gezeigt, dass selbst ich, die ich mich für relativ aufgeklärt und souverän gehalten habe, irgendwie doch verstockter bin, als ich bisher wahrhaben wollte.
        Und gerade darum tut gescheite Aufklärung absolut Not!! Es ist wirklich total wichtig, dass sowohl die Jüngeren ernstgemeinte wie -zunehmende Antworten auf ihre Fragen bekommen (und damit erntgenommen werden!!), als auch dass wir „Alten“ endlich aufhören, Sex als Tabu zu behandeln, über das man allerhöchstens mit dem Partner spricht.
        Danke, Artie! Wieder einmal! 💗

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