Alte Liebe rostet doch: Gehen, wenn‘s am schlimmsten ist

By  |  8 Comments

Ein Text von Mimi Erhardt.

Alle reden über Liebe, alle singen, rappen, schreiben über Liebe. Darüber, dass sie uns rettet, dass ein Leben ohne sie nicht lebenswert ist. L.O.V.E. Immer während, warm wie die Decke, in die der Einsame sich jede Nacht wickelt, süß wie der erste Kuss des Mädchens, das du seit Jahren liebst und das dich dann doch nicht wollte. Die große Liebe. Mit dem einen, der einen. Und immer wieder geben die Poeten, die Sänger, die Frauenmagazin-Redakteure uns Ratschläge: Wie finde ich die Liebe? Wo versteckt sie sich? Wie bleibt sie spannend, welche Tricks benötigt es, damit wir sie bis ans Ende unserer Tage behalten können?

Und ich sitze hier, an diesem Sommerabend, an dem es draußen gewittert und der Himmel aussieht wie ein Ölpfütze, und frage mich: Warum verrät mir niemand, wie ich die Liebe loswerde, wenn sie kaputt und nicht mehr zu reparieren ist?

Was mache ich mit einer Liebe, die ausgeliebt ist und scheiße schmeckt? Die nicht mal mehr wirklich wärmt, weil sie zu löchrig geworden ist? Wer hilft mir, wenn ich raus will aus dem Nest, das aus Erinnerungen und Verbindlichkeit gebaut ist?

Dieser Text ist für all die, die eine Beziehung führen, die sie nicht mehr fühlen. Die raus wollen – und es nicht können. Weil sie sich nicht trauen. Weil sie den Gedanken, den anderen zu verletzen, nicht ertragen. Weil sie ihn ja lieben, nur eben nicht mehr so, wie es sein sollte, wenn man sein Leben miteinander teilen möchte und nicht nur Wohnung und Nachnamen. Weil sie die Kraft nicht haben, stattdessen aber tonnenschwer Angst vor allem, was nach der Aussprache kommt: Tränen, Geschrei, Vorwürfe, Leere, Reue, Einsamkeit. Weil sie abhängig sind vom anderen, emotional, finanziell. Weil sie sich fürchten vor dem, was die anderen sagen werden.

Denn der, der geht, ist der Böse. Der, der eine Liebe beendet, ist ein Wichser, ist herzlos, grausam, gehört ignoriert und blockiert und hat es nicht einmal mehr verdient, dass man ihm auf der Straße einen guten Tag wünscht. Die Fresse sollte man dem polieren. „Wie konntest du nur?“ „Was hast du dir dabei gedacht?“

Processed with VSCO with f2 preset

Nickst du? Hast du einen Kloß im Hals beim Lesen, weil ich dich erwischt habe? Weil du die alte Liebe gerne zurück geben würdest und du nichts mehr willst, als auf dem Schlussstrich mit Edding zu unterschreiben?

Du bist nicht der Böse, nicht der Wichser. Du darfst eine Liebe beenden, die für dich keine mehr ist. Du darfst gehen. Du hast jedes Recht, dem Menschen, der mal die Welt für dich war, zu sagen, dass es aus ist. Dass du nicht mehr glücklich bist und du dich nach anderen Dingen sehnst, nach neuen Erinnerungen, neuen Pläne. Dass du dich verloren hast zwischen Samstagseinkauf, Kroatien-Urlaub und halbherzigen Gute-Nacht-Küssen. Dass ihr euch verloren habt. Das alles darfst du sagen. Musst du sogar. Tust du es nicht, wird aus der Gewohnheit, die mal Liebe war, Frust, Wut, Hass vielleicht.

Es wird wehtun. Euch beiden. Bist du entschlossen, zu gehen, musst du dich der Angst, den Fragen, der Verzweiflung des anderen stellen. Das ist eine Regel, an der sich nicht rütteln lässt. Und die Sinn macht. Du darfst dich nicht einfach verpissen. Du nimmst dich dem anderen weg, brichst ein Herz, vielleicht auch zwei oder drei. Versuch zu erklären, an welcher Stelle du Richtung Abenteuer abgebogen bist, der andere Richtung Bequemlichkeit. Oder andersrum.

Vielleicht hat der andere lange schon geahnt, dass etwas nicht stimmt, vielleicht habt ihr oft geredet und alles versucht, und doch hat es nicht funktioniert. Was auch immer vorher war – jetzt musst du reden. Dann gehen. Du darfst nicht zurück sehen. Der andere wird alles tun, um dich zu halten, wird weinen, trampeln, dich küssen, wird versuchen, die Liebe wieder zu beschwören durch Berührungen, die dich früher wahnsinnig gemacht haben, die sich immer noch vertraut, aber nicht mehr richtig anfühlen. Gib nicht nach, tu euch das nicht an. Ein gebrochenes Herz schmerzt noch mehr, wenn man sich vorher nah war. Reiß das Pflaster mit einem Ruck ab, nicht langsam. Du wirst grausam wirken, und doch tust du das Richtige. Gib dem anderen Zeit, zu verstehen, gib ihm Raum, einen Platz, in dem du nicht bist, in dem er schreien und leiden kann. Denn das wird er.

So wie du. Und doch wirst du an einem Morgen danach aufwachen, tief Luft holen und dich befreit fühlen, besser, vielleicht sogar gut.

Processed with VSCO with f2 preset

Wenn du diesen Text liest und derjenige bist, der verlassen wurde, hasst du mich jetzt vielleicht. Weil ich den, den du liebst, ermutigt habe, sich zu davon zu machen. Aber so, wie der andere mit dir sprechen und dich nicht einfach im Stich lassen darf, habe ich auch für dich einen Rat. Wenn der erste Schmerz vorbei ist, hör auf, dich zum Opfer und den, der gegangen ist, zum Täter zu machen. Wenn eine Liebe kaputt geht, haben immer beide daran Schuld. Irgendwie. Vielleicht habt ihr euch in unterschiedliche Richtungen entwickelt, habt einander nicht mehr verstanden, er war zu langsam, du zu schnell. Habt ihr noch miteinander gesprochen? Nicht nur über Grillabende mit Freunden oder die neue Küche, die ihr euch endlich leisten könnt. Sondern über euch, über das, was euch wichtig ist, Angst macht oder wütend. Hattest du noch Lust auf den Menschen, mit dem du dein Leben teilst? Interessierst du dich für das, was ihm wichtig ist? Habt ihr wirklich miteinander gelebt oder nur noch nebeneinander her?

Eine große Liebe stirbt nicht einfach so, sie ist flexibel, robust, Onesize fits all. Wenn sie kaputt geht, dann weil wir sie geschrottet haben. Herauszufinden, was wir falsch gemacht haben, kann uns helfen, zu wachsen. Die nächste Liebe, über die du stolperst, besser zu pflegen, sie nicht in die Abstellkammer zu stopfen, weil sie nicht mehr neu und shiny ist, sondern sie zu flicken und sie trotzdem zu wertschätzen und mega schön zu finden.

Ich habe auf beiden Seiten gestanden, bin gegangen und wurde verlassen. Beides tut weh. Aber manchmal ist es der einzige Weg, den wir noch einschlagen können. Wir sollten da sein für die, die alleine zurück bleiben. Aber auch für die, die den Mut haben, die Wahrheit zu sagen und das Buch zuzuklappen, wenn das letzte Kapitel ausgelesen ist.

8 Comments

  1. Anna

    21. August 2017 at 13:53

    WOW! Dieser Artikel trifft echt den Nagel auf den Kopf. Es ist verdammt schwer zu sagen, dass eine Beziehung für den einen keinen Sinn macht und man nur noch auf der Stelle stehen bleibt. Ich gehöre selbst zu den leuten, denen die Gefühle des Partners ZU wichtig sind und habe das immer sehr lange hinausgezögert. Aber letzten Endes musste der Schlussstrich gezogen werden und war auch das richtige. Ich wünschte es wäre einfacher für beide Parteien und das gegenseitige Verständnis wäre größer, denn man verliert meistens nicht nur den Partner, sondern auch einen Freund (+Familie +evtl weitere Freunde). Ich wünschte, es wäre leichter mit dem oder der ex weiterhin Kontakt zu halten (natürlich wenn die Wogen geglättet sind), da man sich ja nicht ohne Grund in diese Person verliebt hat, auch wenn diese Liebe nicht mehr wie sie soll existiert. Leider nicht sehr einfach oder überhaupt möglich..

  2. Jens

    21. August 2017 at 9:20

    Liebe streut den Liebenden ein paar Monate Sand in die Augen, damit diese viel Zeit miteinander verbringen und Kinder machen. Eine Ehe ist eine Firma mit zwei Geschäftsführern, die Geld verdient und gemeinsame Interessen hat. Die Geschäftsführer der Firma haben Sex miteinander, weil es einfach ist. Also zwei mal im Jahr ver- und entlieben. So klappt das mit der pernanten Wolke 7. Frauen verlassen mehrheitlich ihre Männer. Die Männer zahlen für Frau und Kinder und verfluchen diese Liebe, die verdammt teuer ist. Freie Männer haben ab zu zu Sex, doch Liebe – was hast du schon davon?

  3. Mia wallace

    21. August 2017 at 0:14

    Es ist so schwer jemanden zu verlassen, der alles für einen tun würde, den man doch mal so geliebt hat, mit ihm immer noch so viel Zeit verbringt. Schöne Zeiten. Immer wieder. Und immer wieder der Gedanke: er ist doch irgendwie nicht der richtige für mich. Schon seit Anfang an. Hab mir bloß so lange das Gegenteil eingeredet, dass ich mir schon selbst geglaubt habe. An manchen Tagen fühle ich mich, als würde ich ihn ausnutzen, als hätte ich ihn nicht verdient. Er hat es nicht verdient, dass die Person, die er vom ganzen Herzen liebt, ständig ans Schluss machen denkt. Ab wann ist es zu viel? Ab wann sollte man den Schlussstrich ziehen…

  4. Lina

    20. August 2017 at 19:40

    Mein langjähriger Freund hat mich vor ca 1 1/2 Monaten verlassen. Eine wirkliche Begründung gab es nicht. Ziemlich schnell kam er mit einer Neuen zusammen die er kennengelernt hat, als wir noch zusammen waren. Vielleicht war sie der Grund. Aber vielleicht war es genau das, was in dem Text angesprochen wurde. Ich habe ihn nie komplett dafür verantwortlich gemacht. Es waren auch meine Fehler die zu der Trennung führten. Natürlich war ich am Anfang sauer, traurig, wütend und ratlos. Aber mittlerweile verstehe ich, dass er sich wahrscheinlich nicht mehr wohl gefühlt hat und das ist okay. Dieser Blogpost hilft mir ungemein in meinem Prozess, dass alles zu verarbeiten. Danke :)

    • Bjørn

      23. August 2017 at 23:29

      Hi Lina.
      Meine Frau hat mich vor sechseinhalb Monaten verlassen…und war nach der Trennung auch schnell mit jemanden zusammen…den sie in der Tagesklinik kennen gelernt hat wo sie Patientin war. Etliche Wochen vorher sagte sie mir noch das sie mich liebt…und mich nie mehr verlieren will.Und ich glaube ihr sogar und mich nicht angelogen hat. Wir hatten oft Streit…wegen ihren Eltern wo wir zur Miete wohnten und die uns sehr viel vorschrieben und unser Leben bestimmen wollten. Ich verbiss mich so sehr in den Stress mit ihren Eltern…dass ich sie dabei vernachlässigte…und…obwohl ich sie abgöttisch geliebt habe und immer noch liebe…hab ich es ihr dadurch nicht mehr gezeigt. Wie gesagt…wir stritten uns oft deswegen…und an einem Fr. den 13. …trennte sie sich dann…mit der Begründung…das es so nicht mehr weitergeht.Ich gebe ihr auch nicht die Schuld für die Trennung…oder verteufel sie deshalb…weil ich weiss was ich falsch gemacht…und ihr mit meiner „Vernachlässigung“ angetan habe. Und sie hat mich wirklich sehr geliebt…wie ich sie immer noch liebe. Kurz danach war sie mit ihrem Mitpatienten zusammen. Ich glaube ihr auch das es so nicht mehr weiter gehen konnte…weil mich der Streit selber ankotzte…ich glaube ihr auch…dass sie mich noch Wochen davor…wie verrückt geliebt hat(das haben mir ihre Zuneigungen,Zärtlichkeiten,Gesten und vieles mehr bestätigt…da ich sie sehr sehr gut kenne). Ich muss dazu sagen…wir haben zwei Kinder(die wir beide abgöttisch lieben♡)…und haben dadurch immer noch sehr regelmässigen Kontakt. Jedenfalls was ich nicht verstehe…nach all der Zeit der Trennung und ihrem neuen Partner…ist…dass sie mir immer noch glauben macht…Single zu sein(dabei hab ich sie schon ein paar mal zusammen gesehen bei uns im Ort…oder wenn sie an mir vorbei gefahren sind)…dass immer noch unsere Bilder an der Wand hängen(ich weiss es…weil sie mir oft Bilder schickt von unseren Kids…und die Bilder oft darauf zusehen sind)…und sie immer noch unseren Verlobungsring trägt!!!

    • Björn

      24. August 2017 at 11:01

      Hi Lina.
      Mir geht es sehr sehr änlich wie dir…aber ich werde damit nicht fertig und verarbeite es so gut wie garnicht.

  5. JudgeDark

    20. August 2017 at 17:09

    Ich möchte einfach nur danke sagen!

    • pedro71

      22. August 2017 at 0:16

      Wie Schmerzhaft und Wahr!!!!!!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *