Wenn die Sehnsucht sich verpisst oder: Alltag in Beziehungen

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Ein Text von Penny Calvet.

„Weißt du, M …”

Es war nach einer durchtanzten Nacht, als wir frierend auf die S-Bahn warteten und der Sonne beim Aufgehen zusahen. „Kannst du dir vorstellen, dass wir irgendwann mal keinen Bock mehr aufeinander haben?” M. schaute mich mit großen Augen an, er dachte wahrscheinlich gerade daran, wie wir uns vor knapp einer halben Stunde noch wild knutschend auf der Tanzfläche aneinander gerieben hatten. Trockenficken sagt man dazu im Fachjargon, aber trocken war bei mir schon lange nichts mehr. Der einzige Grund, warum wir den Laden vorzeitig verlassen hatten, waren die überfüllten Toiletten und der Umstand, dass alle dunklen Ecken bereits von Menschen eingenommen waren, die das Gleiche im Sinn hatten wie wir: Sex. Schnellen, harten, verwegenen Clubsex. Ohne Vorspiel und viele Worte, mit dem gewissen Kick, dabei erwischt zu werden.

Wortlos packe M. mich auf meine Frage hin an der Hüfte, zog mich zu sich heran und bedeckte meinen Hals mit feuchten, sehnsüchtigen Küssen. Das trübe Zukunftsszenario verflog, wir waren froh, dass nicht ganz so viele Leute in der einfahrenden Bahn saßen, und versuchten, zwischen den Kleiderschichten des anderen ein wenig nackte Haut zu begrapschen. Nach einer kleinen Ewigkeit kamen wir endlich an der Haltestelle an und legten die wenigen Meter bis zu meiner Wohnung im Laufschritt zurück.

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Zwischen damals und heute liegen zwei Winter, ein dritter steht in den Startlöchern, und an manchen Tagen erscheint mir diese vor Leidenschaft brodelnde Anfangszeit unserer Beziehung unendlich weit weg, aus einer Zeit stammend, die gefühlt vor der letzten großen Gletscherschmelze verortet ist. Von diesem einstigen Drang, den anderen ständigen berühren zu müssen und dem Gefühl, ohne sein bestes Stück in Händen, Mund oder Muschi nicht leben zu können, haben wir uns in eins dieser hippen Pärchen verwandelt. Wir sind ein Paar geworden, das am Wochenende gerne früh schläft und spät wieder aufwacht, jeder auf seiner Seite vom Bett, versteht sich. Statt uns die Nächte um die Ohren zu schlagen, schauen wir uns lieber den neuesten Kunstshit an und diskutieren über überhöhte Preise im Bio-Markt und Promi-Skandale. Ein Blick meines Liebsten reicht schon länger nicht mehr aus, um mich feucht werden zu lassen, und Abendveranstaltungen verlassen wir auch nicht mehr vorzeitig, weil wir uns die Klamotten vom Leib reißen wollen. Heute bedarf es der richtigen Zeit, des richtigen Ortes, der richtigen Temperatur, der richtigen Stimmung und des richtigen Tages – nur, wenn das alles passt, besteht die leise Hoffnung auf Sex.

Ich erkenne uns manchmal selbst nicht wieder.

Dabei, und das ist so wichtig zu betonen, finde ich M. nach wie vor wahnsinnig attraktiv und anziehend und gut riechend. Wo aber ist sie hin, diese anfängliche Leidenschaft, die mich davon abhielt, meine Masterarbeit einigermaßen okay abzuschließen, weil ich viel lieber meine Mittagspause in M.s Bett verbrachte und sich diese meist bis in die späten Abendstunden zog?

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Ich glaube, es liegt nicht daran, dass wir uns aneinander gewöhnt haben, denn Sex, da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, ist nicht etwa mit irgendeinem dahergelaufenen Flirt am besten, sondern mit dem Menschen, den wir wirklich gut kennen, schätzen und lieben. M.s Körper kenne ich wie keinen anderen, ich mag jede noch so kleine Delle und Narbe, seine knubbelige Nase.

Ich glaube, es liegt daran, dass wir den Alltag haben gewinnen lassen. Wir sind dröge geworden, verbringen mindestens zehn Stunden täglich hinter Bildschirmen, lassen uns von Nachrichten ablenken, und unser Smartphone liegt immer griffbereit in der Nähe. Wir haben zu viele Verabredungen, um unsere Life-Work-Balance in Einklang zu bringen und unterbinden damit jegliche Spontaneität. Statt von Level zu Level zu Level, springe ich von Termin zu Termin zu Termin und rede mir ein, dass dazwischen noch sieben Stunden Schlaf passen müssen, sonst sind sie bald da, die grauen Haare und Falten.

M., du mein Liebster, wir brauchen wieder mehr Zeit füreinander, da helfen keine sexy Dessous, keine Pornos oder irgendwelche Pillen. Zeit zum Reden, Zeit zum Streiten und Zeit für sexy Blicke, spontan durchtanzte Nächte, endlose Fahrten mit der Ringbahn und am allerwichtigsten Zeit im Bett, miteinander statt nebeneinander. Zeit, die wir uns gegönnt haben, weil wir frisch verliebt waren und uns alles andere scheißegal war. Bis das schlechte Gewissen kam, mit dem zusammen sich der Alltag in unser Leben geschlichen hat.

Fotos: Sarahlikesprettygirls für KinKats

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1 Comment

  1. JudgeDark

    17. Dezember 2017 at 14:04

    Ja, der Alltag!

    Es ist glaube ich fast immer so, dass sich mit der Zeit auch die Beziehung ändert. Liebe wird tiefer und man genießt es zu wissen, dass der andere Mensch da ist. Dazu kommt dann aber eben auch oft, dass die Leidenschaft oder besser die ständige Leidenschaft flöten geht. Das hat viel mit Alltag zu tun und den Anstrengungen des Lebens. Und es ist eine gewisse „Sättigung“, die man empfindet. Die Frage aber ist doch, ist das wirklich schlimm? Besteht Liebe und Beziehung aus ständiger Lust und täglichem Sex?
    Stell diese Frage mal einer asexuellen Person und ich glaube mit bekommt mal einen ganz anderen Blickwinkel auf die Dinge und auf das, was wirklich wichtig ist.
    Wobei hier natürlich jeder anders ist, das hängt viel vom einem selbst und vom Partner ab. Das ist ein Thema, mit dem man mehrere Bücher füllen könnte, den einzig wahren Weg wird man aber nicht finden!

    In diesem Sinne besinnliche Feiertage … !

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