Alles anders – Liebe geht auch ohne Unschuld

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Maria hält die Tasse Tee fest in beiden Händen. Ihre korallfarbenen Nägel sehen hübsch aus auf dem babyrosa Porzellan. Ein Mädchentraum in Pastell. Sie sollte lächeln und glücklich sein wie ein kleiner König oder der Mops im Bohnenstroh oder so, aber ihr Mund schlürft, knabbert am Schokomuffin herum, redet, verzieht sich zu einer Schnute. Aber kein Lächeln will sich zeigen. Störrischer Mund! Dabei ist Maria seit einem Monat verliebt, einfach so, über Nacht. In einen Mann, den sie schon lange kennt, den sie aber nie wahrgenommen hat, weil ihre Seele stets überfloss vor Liebe zu Typen, die es nicht gut mit ihr meinten. Bis Nils ihr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion eine Wagenladung Verliebtheit durch die Ohren direkt in den schönen Kopf pustete.

„Warum siehst du so traurig aus?“, frage ich.

„Weil alles anders ist, als ich es mir immer gewünscht habe“, sagt Maria und obwohl sie nuschelt, verstehe ich genau, was sie meint. Und warum der Mund so viele Schnuten, aber kein Lächeln zustande bringt.

„Als man ankam, wollte man werden, die Geschichte schreiben,
die Doofen sollen sterben, der Plan, als man damals nach Hamburg kam.“

Der Song der Hamburger Band Kettcar fällt mir ein – „Landungsbrücken raus“. Und vielleicht ist genau das das Problem unserer Generation. Dass alles so anders war, als man damals ins Leben fiel. Dass die Pläne so groß, die Erwartungen an alles, was da noch so kommen mochte, hochhaushoch waren. Unsterblich und größenwahnsinnig war man. Unschuldig. Und dann kam das Leben, fixte einen an, mit Idealen und Wunschvorstellungen von Liebe, machte erst süchtig, dann, als die Gier unerträglich wurde, wie jeder gute Dealer einen Abgang, um zu sagen: „Ab heute bezahlst du für den Scheiß.“

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Weil man nicht werden wollte wie die anderen, die schon vor der Zeit wie betäubt in ihren Eigentumswohnungen saßen und Fragen nach dem Befinden mit „Och ja, muss“ beantworteten, zahlte man. Verballerte einen Traum nach dem nächsten, auch die Träume von der Liebe, zahlte mit Stolz und Unschuld, bis irgendwann nur noch Reste übrig waren.

Die Klugen, die sich anpassten, schmolzen die Reste zu einem handlichen Klumpen zusammen, verstauten ihn in der Nachttischschublade, nahmen ihn in leisen Momenten heraus, erinnerten sich, strichen über das Klumpige, das einst alles für sie war, spürten einen Stich und legten den Brocken zurück.

Die, die nicht so klug waren, trugen die Reste in der Hosentasche mit sich herum. Dabei ging natürlich so einiges verloren, wurde filzig und klebrig. Aber hergeben wollte und konnte man es nicht.

Und so kam es, dass Menschen wie wir alles an alten Träumen messen, die es gar nicht mehr gibt. Wir wollen nicht einfach verliebt sein, nur Liebe genügt uns nicht. Es muss etwas Besonderes, etwas Großes sein, voller Hingabe. Und wieder: voller Unschuld. Nur ist die ja aufgebraucht.

Nun müssen wir damit klarkommen, dass der Mensch, den wir lieben, eine Geschichte hat. Schulden, Kinder, Geheimratsecken, Paranoia, Alkoholprobleme, wunderschöne Exfreundinnen, einen an der Waffel. So wie wir selbst auch. Dass wir die gemeinsame Zeit manchmal planen müssen, weil der Stress es nicht anders erlaubt. Dass wir Kompromisse eingehen müssen. Dass Liebe nicht mehr nur bedeutet, gemeinsam mit einer Flasche Wein am Hafen zu sitzen und über die Sehnsucht nach dem Neuen zu sprechen. Dass Liebe Arbeit macht. Dass Liebe nicht mehr das ist, was sie einmal war. Dass vielleicht alles nur ein Trugschluss war. Dass das, was wir haben, trotzdem gut sein kann. Vielleicht sogar besser noch als die alten Träume, wenn wir ihm nur eine Chance geben würden.

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Fotos (2): Luna

„Heute Abend treffe ich mich mit Nils“, sagt Maria da und reißt mich aus meinem Gedankenwirrwarr. Ihre Augen funkeln ein bisschen zu feucht. Ihr Mund lächelt.

Ich wünschte, wir alle wären klüger und die großen Träume in unseren Hosentaschen keine verfilzten, klebrigen Ungetüme, sondern nichts weiter als ein handlicher Klumpen Erinnerung.

„Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen.
Zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss:
Dass man weitermachen muss.“
(Kettcar. „Landungsbrücken raus“)

9 Comments

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  5. Matze

    5. März 2016 at 21:03

    …und dann geht der Fallschirm auf! Na dann herzlich willkommen zuhaus.

    • Mimi

      Mimi

      5. März 2016 at 21:28

      Und ein letztes Mal winken und ich bin raus.

  6. JudgeDark

    5. März 2016 at 11:59

    Esme hat die richtige Formulierung gewählt: „erstmal auf sich zukommen lassen“!

    Man sollte sich gerade bei der Liebe doch keine Grenzen im Kopf setzen, sondern vielmehr den Moment genießen. Und es sollte jedem klar sein, dass irgendwann der Alltag kommt und die rosarote Brille verschwindet. Man findet dann aber Halt und Geborgenheit und das ist für mich viel mehr wert, als ständige Euphorie und immer was Neues. Jeder soll natürlich sein Glück so finden, wie es ihm beliebt, und klar gibt es genug Menschen, die eben feste Bindungen scheuen und die schnellen Dinge lieben. Sich aber selbst mit Fantasien über das Kennenlernen oder die Liebe einzuschränken, ist doch für niemanden hilfreich.

  7. Rheintochter Esme

    4. März 2016 at 18:14

    Schon beeindruckend, wie man sich selber allein dadurch im Wege stehen kann, dass man verzerrte „Wünsche“ hat. Wie unglücklich man sich selbst damit machen kann, weil’s ja nicht „gut genug“ ist, sondern vielleicht „nur“ „gut“. Oder „schön“.
    Ich hab’s auch erst lernen müssen, aber versuche mittlerweile, erstmal abzuwarten und zu gucken, was passiert, bzw. die Dinge einfach mal auf mich zukommen zu lassen, bevor ich rummaule, dass ich mir das eigentlich viel toller vorgestellt habe.
    Und gerade die Liebe verändert sich mit der Zeit. Irgendwann ist der Partner halt nicht mehr „neu und darum aufregend und interessant“, sondern ein Teil des Alltags. Mit Ecken und Kanten. Aber das ist doch auch schön! Im besten Fall wird doch das Neue zum Vertrauten, zum Hafen, in dem man sicher ankommen darf, und zwar immer.
    Liebe vom Rhein!

  8. VirginiaHeart

    4. März 2016 at 16:48

    Das finde ich sehr schön! Viel zu oft Erdrückt doch dieses gigantische Erwartungsmonster alles was an der Liebe so schön werden kann.

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