No-no zu Bodyshaming oder: Shamed euch nicht!

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Wer sich gerne bei Facebook, Instagram und Twitter rumtreibt, kennt Kommentare wie diesen: „Du bist echt hübsch. Aber du könntest ruhig etwas Sport treiben, hast ganz schön zugelegt.“ Oder: „Igitt, ist die dünn, das ist doch total krank!“ Oder: „Fetter Arsch!“ oder „Deine Titten sind ja winzig!“ Bodyshaming nennt sich dieses Social Media Phänomen, das ausschließlich von Idioten betrieben wird. Ja, genau. Jeder, der glaubt, anderen ein schlechtes Gefühl geben zu müssen, indem er abfällig über ihren Körper spricht, ist ein Vollidiot. Das findet auch unsere Autorin Artie Shaww. Festgestellt hat sie das allerdings in einer Situation aus dem echten Leben, in der auch sie sich nicht ganz okay verhalten hat…

Von Artie Shaww

Manche Menschen sind Hexen. Manche Teufel. Beziehungsweise setzt der sich gerne in so manchen Nacken und reitet die Leute.

Eine meiner liebsten Freundinnen, Anneke, wird von ihrer Kollegin Doris oft abweisend und von oben herab behandelt. Tatsächlich ist Doris, wie auch ich schon feststellen durfte, unhöflich, unfreundlich, barsch. Als wir uns neulich mit einigen Freundinnen in unserer Lieblingsschnapskaschemme trafen, flüsterte Anneke uns zu, dass sich Doris am Tresen rechts von uns befände. „Die Alte ist so schlimm“, sagte Anneke leise, „die mobbt mich so richtig.“ In diesem Moment hockte sich der Teufel auf die Schulter unserer gemeinsamen Freundin Wiebke und setzte zu einem Ritt an.

Wiebke: „Hey, Mensch, Doris. Du hier?“

Kurze Umarmung. Dann trat Wiebke einen Schritt zurück, um Doris von oben bis unten zu mustern.

Wiebke: „Wow.“
Zögern bei Doris.

Wiebke: „Gut siehste aus. Haste zugenommen? Mensch, steht dir!“

Schnappatmung aus der Richtung meines Herzensgörlies Anneke.

Doris stotternd: „Bitte? Nein, ich mach doch Akro-Yoga. Das sind Muskeln!“

Wiebke: „Echt? Nee. Du hast so ein volles Gesicht gekriegt, und auch deine Arme wirken praller. Also top. Ehrlich. Naja, schönen Abend noch!“

Taktischer Rückzug und den lodernden Hass genossen. Wir haben Wiebke den ganzen Abend gefeiert und ihre Doris-Attacke mit Ingwerschnappes begossen. Trotzdem fühlte ich mich schlecht und glaube jetzt, dass ich aufgrund meiner Schadenfreude als Busfahrerin der Linie 666 zwischen Hölle und Limbus eingesetzt werde.

Worauf ich hinaus will: Wir haben bewusst eine Person verletzt, und zwar auf die denkbar mieseste Art und Weise, die es gibt – nicht ihre Intelligenz, sondern ihr Körper wurde angegriffen.

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Es ist im Grunde so billig wie einfach: Menschen werden seit jeher nach ihrem Äußeren beurteilt. Ihr Wert wird gemessen an den Kilos, die sie mit sich rumschleppen – oder eben nicht. Ihr Wert wird gemessen an der Fülle ihrer Haare. An der Größe ihrer Nase.
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Dass sich aber Wildfremde ein Urteil über uns bilden, indem sie über unsere Körper befinden, das ist neu und nicht zuletzt eine Unart des Social Media Zeitalters. Bodyshaming nennt sich diese Unart.

„Der ist so fett, das ist abscheulich!“
„Igitt, diese Dehnungsstreifen. Muss man das zeigen?“
„Bäh, der hat ja Oberarme wie Streichhölzer!“

Diese Äußerungen werden dank Internet-Anonymität völlig distanzlos vorgebracht, denn: „Es ist ja meine Meinung, und die darf ich sagen!“

Wenn ich sowas höre oder lese, möchte ich sofort kotzen. Dann überkommt mich eine Art Tourette: „Halt deine verfickte Schnauze, du dummes, blödes Arschloch!“ Ich möchte diese Person, die die Meinungsfreiheit so missbraucht und versucht, andere mit ihrem Bodyshaming zu verunsichern, mit meiner tiefsten Bundeswehroberoberfeldwebelmarschallsstimme verbal fertigmachen, mit Häme und Hass überziehen, sodass diese Person erstmal für sehr lange Zeit nichts mehr zu sagen wagt.

Das Groteske beim sogenannten Bodyshaming ist, dass es tatsächlich gleichberechtigt auftritt. Übergewichtige, Untergewichtige, Normalgewichtige, Alte, Junge, Männer, Frauen. Moment, auch Männer können zu Bodyshaming Zielscheiben werden? Ja, auch Männer werden neuerdings auf ihre Statur hin eingeteilt. Die Zeiten, in denen man als Schlaks herumlaufen konnte? Vorbei. Zu dünn scheint zwar immer noch besser als zu dick sein, aber dennoch sind auch hier – gerade im Netz – Übergriffigkeiten zu erkennen.

Dünne, magere Körper werden als hässlich bezeichnet. Man fordert unbekannte Menschen auf, mehr zu essen, denn solche Knochen seien unschön. Proteinshakes und Low Carb haben Hochkonjunktur, Chiasamen und Flohschalensamen werden kiloweise gefressen, damit man besser und schneller kacken kann, um unliebsame Kilos runterzukriegen. Es wird gesportelt, gerannt, definiert, um einen tollen Körper zu bekommen. Damit man ja nicht zu hören bekommt, dass man nicht hübsch genug aussehe. Damit man nicht den Ekel in den Augen der anderen sieht, wenn man zu wenige oder zu viele Kilos auf den Rippen hat.

Neu sind jetzt die muskelbepackten durchtrainierten Kerle, die mir täglich auf Instagram und Co. begegnen und die allesamt eine seltsam vage Ähnlichkeit mit Ken haben (das mag jetzt aber auch subjektiv sein). Da wird der Oberarm auf Stiernackenniveau trainiert, der Sixpack ist nur noch eine Ansammlung von harten Muskelsträngen, und die Beine gleichen zwei dicken starken Säulen. Alles gesund, fit, heiter. Aber wollen wir tatsächlich nur das?

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Fotos (3): Ferdie Binger

Nein. Ich will Vielfalt in Farbe und Form des menschlichen Körpers. Ich möchte, dass alle, die ihren Körper – auf welche Art und Weise auch immer – hegen und pflegen, sich gut fühlen. Da hat sich verdammt nochmal keiner einzumischen. Wenn die einen sporteln, dann ist das super. Wenn die einen nicht sporteln, ist das super. Wir brauchen kein Bodyshaming.

Wisst ihr, was ich meine? Leben und leben lassen. Denn ich glaube, dass viele, die Bodyshaming praktizieren, neidisch und eifersüchtig und unzufrieden sind, wenn sie andere „kritisieren“.

Daher: Mehr Selbstliebe und weniger vor anderen Türen kehren. Und vielleicht muss ich jetzt doch nicht Busfahrerin werden.

Die Fotos in diesem Post entstammen einem Fotoset, das wir vor Jahr und Tag veröffentlicht haben und noch immer sehr lieben. Hier könnt ihr euch alle Bilder noch einmal ansehen :) Unser zauberhaftes Model ist Ceetzie, und dies ist ihre Facebook-Page <3

4 Comments

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  3. senfdazu

    24. Februar 2016 at 6:07

    Im Grunde fängt das Problem wie schon richtig erwähnt ja gar nicht erst bei „bodyshaming“ an, sondern bei der Beurteilung an sich – zumindest dann, wenn die diesbzgl. Meinungsäußerung nicht in irgendeiner Form gewünscht wurde.

    denn genau genommen ist es doch genauso irrelevant (und auf gewisse Weise übergriffig), wenn irgendwelche Fremden ein Lob über den Körper bzw. bestimmte Körperteile oder bestimmte körperliche Vorzüge machen.

    Anders gesagt: „Deine Brüste sind toll“ ist meiner Meinung nach letzten Endes in vielen Situation ähnlich unangebracht wie „Deine Brüste sind ja winzig“.

  4. Ilka

    8. Februar 2016 at 23:38

    Sehr, sehr, sehr geil – der Beitrag.
    Danke.

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