Abusive relationship – deine Liebe wird zum Albtraum

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Text von Virginia Heart

„Old man yells at cloud“, heißt es bei den Simpsons. „Virginia yells at her computer screen“, heißt es hier. Ich besuche meinen Heimatplaneten Tumblr, und mein Dashboard ist voller Einträge junger User, die sehnsuchtsvoll eine Beziehung wie die zwischen DCs Joker und Harley Quinn beschwören. So eine „Mad Love“ wollen sie alle, nichts sehen außer dieser unfassbaren, wilden Kreatur, die liebt wie ein Lauffeuer. Was sie nicht sehen: Bei der Hassliebe zwischen dem Joker und Harley Quinn handelt es sich um die Art der Beziehung, die im Englischen „abusive relationship“ genannt wird, eine Beziehung, in der ein Partner den anderen missbraucht – zum Beispiel auf körperlicher Ebene, durch physische oder sexuelle Gewalt. Abusive relationships bezeichnen aber auch Partnerschaften, die durch psychischen Missbrauch gekennzeichnet sind, Partnerschaften, in denen verbal misshandelt und emotional erpresst wird, und in denen Männer wie Frauen Opfer sind.

Ja, das gibt es. Missbrauch muss nicht unbedingt physischer Natur sein. Ein deutsches Äquivalent zu diesem Begriff gibt es – meines Wissens nach – nicht. Weil emotionaler Missbrauch nicht wichtig genug erscheint, um wahrgenommen zu werden? Vielleicht liegt es daran, dass eine abusive relationship nach außen hin oft besonders leidenschaftlich wirkt. Partner, die, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht ohne den anderen leben können, die ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen hintenan stellen, oft ganz aufgeben, um den anderen nicht zu verlieren, um ganz mit ihm zu verschmelzen. Dasselbe Bild, das uns die Liebesgeschichte zwischen dem Joker und Harley Quinn suggeriert.

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Woher aber kommt dieser popkulturelle Anspruch, vollkommene Liebe mit vollkommener Selbstaufgabe gleichzusetzen? Suicide Squad trägt den Weichzeichner im Bezug auf Harleys und Jokers Beziehung meterdick auf, aber Elektroschocks, ein Bad in bleichenden Chemikalien und die krankhafte Obsession des irren Clowns sollten doch wohl zur Abschreckung genügen. Oder? Man muss die Geschichte der beiden nur oberflächlich durch die Comic Annalen verfolgen, um zu sehen dass seit Harleys Debüt 1992 so ziemlich alles daran schief läuft. Durchgängig verkörpert sie ein Spielzeug, ein Instrument, um die wahnwitzige Macht des Jokers zu untermauern. Mehr als einmal versucht er sich ihrer durch Mord zu entledigen, bedenkt sie mit abwertenden Kommentaren und schubst sie durch Gotham wie lästigen Ballast. Das absolute Minimum an Zuneigung genügt, um Harley Quinns Willen zu brechen, sollte sie die Dynamik der Beziehung doch mal klarer analysieren. Schuld am Verhalten des Jokers trägt in Harleys Augen sie selbst, wie sollte es anders sein.

Um mich nicht ausschließlich auf mein mieses Bauchgefühl angesichts zahlloser, diese Storyline begleitender Kommentare verlassen zu müssen, google ich „abusive relationship warning signs“. Siehe da, Volltreffer. Es wird gewarnt vor Personen, die physisch oder emotional grob sind, die ihre Partner bloßstellen, bewusst ignorieren und Kommunikation verweigern. Ebenso wird zu Vorsicht bei übertriebener Eifersucht und Kontrollzwang geraten.

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Diese Listen, diese Red Flags, könnt ihr alle selbst einsehen. Eine kurze Stichwortsuche nach „Signs abusive relationships“ genügt. Doch oft ist man der Lösung des Problems an dieser Stelle nur bedingt näher gekommen. Das Brennglas aufs eigene Leben richten? Viel zu unangenehm, da schmerzhaft. Und die drohenden Konsequenzen, sollte man sich eingestehen, dass da einiges schiefläuft? Verlustängste spielen eine starke Rolle, und dann ist da noch dieses unbeschreibliche High, das einsetzt, wenn nach einem Streit, in dessen Zuge die halbe Küche zu Bruch ging, alles wieder gut ist. Wenn wieder von der ewigen Liebe gesprochen wird. Wie all die Hochgefühle des Anfangs wieder aufleben, wenn der Partner sich so bemüht – für eine begrenzte Zeit nach dem realen Albtraum. Doch die Anspannung kehrt zurück, die Eierschalen, auf denen man läuft, um eine erneute Konfrontation zu vermeiden, pflastern den Weg, und endlich, endlich fliegt auch wieder Porzellan an die Wand. Endlich ist die Angst wieder allgegenwärtig, das Herz schlägt im Hals, und man sucht zwanghaft nach der Ursache, der Schuld, zu oft auf der eigenen Seite.

Diese Achterbahn ist, was das Verlassen einer abusive relationship, einer dysfunktionalen Beziehung, zusätzlich erschwert. Tatsächlich wirkt alles, was wir als Liebe empfinden, auf das Hirn wie eine Sucht, das emotionale Auf und Ab in missbräuchlichen Beziehungen entspricht einer Droge mit höchstem Suchtpotential. Daher ist es wichtig, die Dynamik bewusst rational zu beobachten.

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Verhält ein Mensch sich missbräuchlich, ob psychisch oder physisch, liegt die Schuld niemals bei seinem Opfer. Auch nicht, wenn beide romantisch verwickelt sind und dieser Umstand als Entschuldigung für mangelnde Eigeninitiative in der Regulierung des eigenen Gefühlslebens gilt. Man sollte keine Angst vor der Person haben, mit der man sein Leben teilt, man sollte kein Herzrasen, keine schweißigen Hände haben, wenn man einen Abschwung der Laune des Partners registriert. Die eigene körperliche und mentale Unversehrtheit sollte jederzeit selbstverständlich sein. Das ist schließlich nur das Minimum, denn eine Romanze sollte die Lebensqualität verbessern. Ein Partner mit missbräuchlichen Tendenzen wird hingegen die Qualität in vielen Bereichen mindern. Durch übertrieben kritische Äußerungen über die Erfolge, Interessen oder Bedürfnisse seines Partners, des Leidtragenden. Durch obsessive Kontrolle. Durch Eifersucht und Tobsuchtsanfälle.

Hat man erstmal realisiert, dass man in einer solchen Situation steckt, findet man sich häufig in einer Flut aus Scham, Angst und Zorn wieder. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass man sich ein besseres Leben wünscht und dieses auch verdient hat. Hilfestellungen, auch professioneller Natur, existieren und sind diskret erreichbar.

Egal, wie schillernd und selektiv die fiktiven Portraits solcher Liebschaften geraten – keine noch so grandiose romantische Geste rechtfertigt die Bedrohung eurer körperlichen und/oder seelischen Unversehrtheit. Passiert es einmal, wird es ohne die nötige Intervention wieder passieren.

Hier findet ihr Hilfe:
Hilfetelefon – Gewalt gegen Frauen
Männerberatung
 LesMigraS – Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.

Fotos: Ika Fan // Ika Fan bei Facebook

5 Comments

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  2. JudgeDark

    26. September 2016 at 21:22

    Interessantes Thema und klasse Text dazu. Für mich der wichtigste Satz:

    „Passiert es einmal, wird es ohne die nötige Intervention wieder passieren.“

    Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie die „Opfer“ ihren Aggro-Gegenpart immer wieder in Schutz nehmen, sich selbst die Schuld geben (z. B. bei körperlicher Gewalt) … kann ich mir selbst einfach nicht vorstellen, man hat doch einen Selbsterhaltungstrieb. Aber das macht es so unverständlich und skuril … und man muss ja nicht alles verstehen und nachvollziehen können, auch wenn ich mir das manchmal für mich wünschen würde.

  3. Romy Dietrich

    25. September 2016 at 20:16

    Beim lesen kam mir so einiges hoch. Erinnerungen an eine solche Beziehung, der unterschwellige Wunsch, diese verrückte Leidenschaft mal wieder zu erleben, die panische Angst, die diese Zeit begleitet hat und ein bisschen Kotze. Und der eiserne Entschluss, so etwas nie wieder zuzulassen. Lieber 50 Jahre langweilige Ehe, in der das Highlight darin besteht, sich zum Pupsen wegzudrehen, als eine einzige Woche mit Angst versetzter Liebe. Mein Wort zum Sonntag.
    Virginia: du bist bombastisch, danke für diesen Artikel! ♡ love and hugs, Romy.

    • Virginia Heart

      27. September 2016 at 14:34

      Wow Romy, du bist unglaublich mutig! Wie klar du diese Mechanismen siehst finde ich wahnsinnig beeindruckend. Ganz viel Kraft und 1000 Dank für deine lieben Worte <3 Fühl dich herzlichst umarmt!

    • JudgeDark

      27. September 2016 at 19:26

      Kann mich da Virginia nur anschließen … ich finde auch, dass du sehr mutig bist, dass hier so klar und eindeutig zu schreiben und Virginias Worte damit zu untermauern.

      Viel ganz großen Respekt und weiterhin viel Kraft und Mut, um so standhaft zu bleiben!

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